‘in wieno veritas’ von gestern

Montag, Juni 17th, 2013
Freude schöne Kaffeebohne

Wenn es um Kaffeehäuser geht sind Wiener natürlich sehr speziell. Ihre Tradition verpflichtet. Die großen Häuser sind Platzhirsche und in jedem Reiseführer ausgiebig beschrieben. Sucht man aber ein Kaffeehaus der etwas anderen Art, wird man im Schatten der Alserkirche fündig. In einem Seitengewölbe der Kirche selbst versteckt sich das POC – People On Caffeine. Die Gemäuer ganz im heiligen Weiß, eingerichtet mit rustikalem Holzmobiliar. Und kein Ort in Wien könnte für ein modernes Kaffeehaus besser sein. Hier kommt die Jugend zusammen, um die Sünden der Nacht zu beichten. Bei einem Cappuccino, einem Flat White oder einem Latte Macchiato. Und Robert, Inhaber und Barista, ist der Pfarrer dieser Kaffee-Gemeinde. Von der Kanzel, also der Theke (in diesem Fall eine alte, ausrangierte Hobelbank) predigt er das Arabica Unser und hat als großartiger Gastgeber immer ein offenes Ohr für seine Schäfchen. Nicht umsonst fühlt sich jeder Fremde gleich wohl hier und haben die Gäste untereinander längst Freundschaften geschlossen.

Ein Geheimtipp, der so geheim freilich längst nicht mehr ist. Und weil niemand anderes als der Unsterbliche Ludwig van Beethoven in eben dieser Kirche einst eingesegnet wurde bleibt an dieser Stelle nur zu sagen: Freude schöne Kaffeebohne, wir treiben uns im POC herum.

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Mittwoch, März 6th, 2013
Curry me home

Letzte Woche habe ich in meiner Lieblingsstraße (Servitengasse; 9. Bezirk) ein neues Geschäft entdeckt: “Curry me home”.  Okay, das Wortspiel finde ich etwas zu bemüht, aber der Laden ist wunderschön. Sehr schlicht und elegant eingerichtet. Um genau zu sein gibt es außer ein paar Wandregalen, bzw. -vitrinen nur einen einzigen Tisch mit unzähligen Gewürzkästchen drinnen. Und in eben diesem lassen sich alle Gewürzrichtungen der Welt finden. Tasmanischer Bergpfeffer, Ananascurry, Curry Goa, Curry Habanero oder Fleur de Sel – wild rosella hibiskus. Zum Selberabfüllen mit einem kleinen Holzschäufelchen in die dafür vorgesehenen Papiersackerl. Ich habe mich für Paprika de la Vera Doux entschieden. Ein geräuchertes Paprikapulver, das an die rauchigen Weiten Texas erinnert. So schmeckt die Luft, wenn ein Cowboy mit seinem Colt feuert, Fremder! Ideal für Bohnen mit Speck.

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Sonntag, August 12th, 2012
Doch nicht verhungern …

Ganz so hoffnungslos ist meine Lage im augustlichen Wien dann doch nicht. Dank Rieke und ihrer Entdeckung im 2. Bezirk. Ein wunderschöner Gastgarten in einem Hinterhof. Etwas versteckt, dafür umso verwinkelter und lauschiger. Mit leckerem Bio-Essen, dass in eben diesem Hinterhof auch angebaut wird. Der Gast im Gemüsebeet, sozusagen. Direkt neben dem Augarten.

Freitag, August 3rd, 2012
closed for sommer

Wien im August gleicht unschönerer Weise Pompeij. Ein paar schwitzige Touristen und sonst alles ausgestorben. Die Ortsansässigen haben ihren Klappstuhl eingepackt, eine kurze Nachricht ans Fenster gepickt und sind alle rüber zum Neusiedler See. Oder in die Berge. Zurück gelassen haben sie nur tote Einöde. Und bittere Verzweiflung bei all jenen, die wie auf einer Weltraumbasis zurückgelassen wurden, um irgendeinen Generator am Laufen zu halten und allmählich dem Wahnsinn verfallen. Mir wird auch schon ganz komisch.

Wien im August ist grausamer Urban-Survival – wenn alle Lieblingscafès, -bäcker oder  gemüsehändler geschlossen sind und man nicht weiß, wann es wieder etwas zu beißen gibt. Vielleicht lassen die Touristen ja mal was fallen. Aber dafür müsste man in die Innere Stadt. Und es gibt nur eines, das schlimmer ist als leere Gassen wie nach einem Strahlenunfall: aufgescheuchte Reisegruppen, die meinen, Wien wäre hinter der Hofburg zu Ende.

Donnerstag, März 1st, 2012
12 Munchies

Neulich, im Zuge der Hipstersierung Wiens, hat das “12 Munchies” seine kleine Gassenpforte am Aumannplatz eröffnet. Drüben, im 18. Der Laden, so klein und süß wie die Cupcakes, die sie anbieten, besticht durch gemütliches Wohnzimmerambiente. Nein. Eigentlich erinnert er mich an die WG-Küche von Anne und Anna. Damals, im Dortmunder Kreuzviertel. Beides Plätze mit kulinarischer Kuschelatmosphäre. Geschmückt mit lieblichem Kitsch und Tand. Dazu eine Prise Bilderbuchzauber. Eines, wo die Großmutter ihre Enkel zum Essen ruft und wir als kleine Stöpsel schon wussten: Da schmeckt’s!

Samstag, November 26th, 2011
Bilderbox

Der Comic-Dealer meines Vertrauens ist zweifellos die ,BILDERBOX‘, ein schnieker Laden in der Kirchengasse. Im frischen weiß-blauen-CI stehen dort neben den Klassikern á la Tim & Struppi eine gut sortierte Auswahl moderner Graphic Novels zum Verkauf. Zudem finden sich auch wunderbare Bildbände über Streetart und die nötigen Materialien, um in den Wiener Gassen seinem Banksy-Vorbild nachzueifern, gleich mit. Da mein persönlicher Intrest in gezeichneten Geschichten weit abgeschlagen hinter Romanen, Koch- und Backutensilien, Klamotten und Kino rangiert, bin ich eigentlich ein sehr schlechter Kunde. Aber weil der Laden so schön und absolut kompetent geführt ist, schaue ich von Zeit zu Zeit gerne mal vorbei. Und gelegentlich leiste ich mir dann eine der Bildergeschichten. Wie gestern: ,Jetzt kommt später‘ von Kati Rickenbach. Coming of Age im krakeligen schwarz-weiß.

Dienstag, August 23rd, 2011
geh scheissen!

Dieser kurze und prägnante Ausruf ist eine wienerische Aufforderung doch bitte einen in Ruhe zu lassen. Denn zum Einen ist diese Person dann anderweitig beschäftigt und kann einem nicht mehr auf den Zeiger gehen. Und zum Anderen wird sich diese Person erinnern, dass sie es auf dem stillen Örtchen genauso mag – frei von jeder Belästigung sein, nämlich.

So oder so ist diese, etwas sehr direkte, Floskel, ein weiterer Baustein in meinem Satzkasten der deutschen Sprache. Und es wird allerhöchste Eisenbahn mal die ein oder anderen Fundstücke vorzustellen.

Zum einen gibt es Worte, die so sind wie Fussballmannschaften: Jeder behauptet zwar, man sei am Besten, aber irgendwie sind doch alle gleich. Ob man jetzt Pfannkuchen oder Palatschinken sagt, ist letztlich nur gequirlte Eierspeise. Das Gleiche gilt für Semmeln, Weckerl, Brötchen und Schrippen.

Dann gibt es Wörter, bei denen man ganz froh ist, sie nicht als Erstklässler mühsam hat schreiben lernen müssen. Karfiol beispielsweise. Oder Kukuruz. Sind übrigens Blumenkohl und Mais. Für alle die, die eine Grundschule und nicht die Volksschule besuchten.

(Nur nebenbei: Der Österreicher beginnt im Gymnasium wieder bei Klasse 1. Dadurch hat so ein Wiener Pupertätskind seine ersten sexuellen Erfahrungen in der dritten Klasse. Ein Umstand, der bei Erzählungen irrsinnig verwirrend sein kann.)

Ein paar Wörter sind irgendwie so Fifty-Fifty-Dinger. Melanzani sind Auberginen. Nur das sie nicht aus Frankreich zu kommen scheinen, sondern aus Italien. Beide Wörter haben aber ihren ganz eigenen Reiz. Genauso sieht es bei der Marille aus, zu der oberhalb des Main alle Aprikose sagen.

Paradeiser sterben dagegen immer mehr aus. Eigentlich ein schöner Begriff, doch mittlerweile steht in jedem Supermarkt Tomate angeschrieben. Bei den Erdäpfeln ist das noch anders. Allerdings wird sich der Österreicher eher in die Schlucht stürzen, als Kartoffel zu sagen.

Und dann gibt es noch die Perlen, die einen reich machen – den eigenen Sprachschatz erweitern. Juwel um Juwel: sudern! Bedeutet jammern, aber in sudern kommt das Wort Sud vor. Das klingt schon nach “Im Dreck wälzen”. Auch wenn es nur der eigene emotionale Mist ist. Oder schiachhässlich. Beim deutschen Pendant muss man noch die Vorsilbe pott- dransetzen, damit es richtig herablassen wird. Ist im Österreichischen nicht nötig. Ähnliches gilt für grindig. Da ist Grind drinnen. Das ist viel übler als einfach nur schmutzig oder heruntergekommen. Und natürlich die Stiege! Die Stiege ist alt, aus Holz. Knarzt bei jedem Schritt, wurde schon dreimal übermalt und kann in mystische Abenteuer führen. Die Treppe ist klar, sauber und nach allen Regeln der bürokratischen DIN-Norm-Kunst zwischen Keller und Dachboden verteilt. wuzzeln hingegen heißt weitaus mehr als nur lapidar drehen. Man kann seine Zigaretten wuzzeln, so manche Mehlspeise mag gewuzzelt werden. Oder es meint gar Tischfussballspielen.

Und wenn wir schon bei Zigarette sind: Da gibt es ja noch die Tschick! Kein Wort im hochdeutschen vermag die Coolness, die Lässigkeit, das Understatement einer Zigarette im Mundwinkel zu vermitteln, wie das österreichische Tschick. Kippe hat den Lungenkrebs schon inklusive, Fluppe kann sich selber nicht ernst nehmen und Glimmstengel will ganz hartgekocht sein – ist in Wirklichkeit aber genauso gefährlich wie eine angezündete Kaugummi-Zigarette. Doch mit ner Tschick – ja, mit ner Tschick weißt du, warum du mit dem Rauchen angefangen hast.

Ganz zum Schluss, als eine Art Edel-Klunker auf dem Juwelen-Collier, gibt es eine Redensart! Ohne die kommt man in Wien keine drei Tage über die Runden. Die ist essentiell. Das geht sich aus! Respektive: Das geht sich nicht aus! Beides ist universell einsetzbar. Das schaffe ich zeitlich nicht. Das ist zu eng. Das ist zu schwer. Das klappt. Das klappt nicht. Das schaffe ich mit links. Das kann ich locker. Die 55cm breite Waschmaschine geht ganz bestimmt durch die 57 cm schmale Fahrstuhltür. Zuerst zu dir nach Hause und die Sachen holen und danach zu mir und mit kochen anfangen könnte knapp werden. Mit Bumms und Fallera in ein anderes Land einmarschieren und dort alle unterdrücken oder in Lager sperren dürfte keine große Herausforderung für unsere multipotente Hauruck-Armee sein. Passt.

Und verlange in einem Geschäft nie nach einer Tüte! Das heißt Sackerl, du vollkommen denk-limitierter Piefke mit schnödem Abitur in der Tasche. Kann ja nicht jeder so eine schöne Matura haben. Ach, geh’ scheißen du Kartoffelfresse!

Mittwoch, Juli 27th, 2011
Süssi

Seit Anfang an vorgenommen und doch nie umgesetzt: Die Hot-Spots von Wien vorstellen! Jetzt aber. Zumindest ein Anfang. Und vielleicht ja auch einigermaßen regelmäßig fortführend.

Letzten Sonntag war ich bei Regen und verfrühtem Herbstwetter im ,Süssi‘ – einer qietschnostalgischen Wohlfühlstube für das biedermeier-bewusste Kaffeekränzchenherz. Im ,Salon de Thè Français‘ – wie das ,Süssi‘ gleichwohl auch heißt – geizt man weder mit Zucker im Kuchen, noch mit Kitsch im Interieur. Hier, so scheint es, gibt es von allem einen Schuss Extra: Vom Plüsch, von Rüschen und vom Weinbrand. Letzteren findet der Gast in den Tartes und Törtchen, die in jeglichen Größen und Belagvariationen im Schaufenster drapiert sind. Aber all das macht das wohnzimmergroße Kaffeehaus im 4. Bezirk zu einem kleinen Geheimtipp. Besonders für Wienbesucher, die man nicht dem ewig durchgekauten ,Hawelka‘ aussetzen möchte.

Sonntag, Juni 26th, 2011
wasserspass und gaumenfreude

Nur der Aktualität halber: Facebook-motivierte Wasserschlachten-Flashmobs sollten kurzfristiger und wetterorientierter angesetzt werden. Wenn man auch von oben her nass wird, beißt sich der Hund irgendwie in die eigene Super-Soaker. Ein netter Spaß war’s trotzdem.

Und den besten Burger der Stadt gibt es immer noch bei: Die Burgermacher. Dies wiederum der Vollständigkeit halber!

Sonntag, Juni 26th, 2011
die sendung mit dem dritten mann

Obgleich Wien eine phantastische Filmkulisse bietet wurden bisher erstaunlich wenig Kinostreifen in der Donaustadt gedreht. (Man nehme mal im Vergleich dazu Prag …)  Sisi – klar. Einmal sogar James Bond – aber in Gestalt von Timothy Dalton und daher eigentlich irrelevant. Also obliegt es einem einsamen Orson Welles als Dritten Mann tapfer die Fahne hochzuhalten. Ironischerweise spielen die Szenen, die sich am stärksten in die Filmgeschichte gebrannt haben UNTER der Stadt – und da war ich gestern: In der Wiener Kanalisation.

Entgegen meinem filmgeschichtlichem Interesse referierte man allerdings mehrheitlich über die Kanalisation an sich sowie dem Tagewerk der Kanalarbeiter. Also eher eine Live-Version der Sendung mit der Maus, als Filmanalyse mit Gerald Koeniger. Schade.