‘zur lage des ichs’ von gestern

Sonntag, April 28th, 2013
long lanes end

WG

Seit ein paar Tagen ist es schriftlich: unsere WG löst sich auf. Die Kündigung wurde verschickt. Andere Wohnungen fix. Ein Abschnitt geht zu Ende, ein Meilenstein. Eine Zeit, in der sich mein Lebensweg gebrochen hat – auf eine höchst positive Weise. Vier wunderbare Jahre. Sonne auf dem Parkett. Mädchenschuhe am Eingang. Wohlfühlmoment ab Stunde Null.

“Hey du,

wir würden uns freuen, wenn du am Samstag (6.6.) zwischen 16 und 17 uhr vorbeikommen könntest.

Genaue adresse:

Lange Gasse 76/18 (bei Schmid läuten)

2. Stock

1080 Wien

 

Bitten um Rückmeldung.

Liebe Grüße Meli, Claudi, Nikola, Laura”

 

Und dennoch ist es Zeit. Es scheint, als würde uns die Wohnung förmlich ausspucken. Der Kühlschrank zickt, der Wasserhahn leckt. Vom Betriebsende des schönsten Aufzug Wiens ganz zu schweigen. Außerdem will keiner mehr den Gemüseschäler woanders suchen müssen. Durch unsere fünf Zimmer hallen Abgesang und Aufbruchstimmung. Die Lange Gasse hat ihr Ende erreicht.

Montag, April 8th, 2013
napoli

Aus Recherchgründen weile ich zur Zeit in am Fuße des Vesuvs. Mal sehen, auf was ich interessantes stoße.
Bei meiner Reise hierher wäre ich um ein Haar in Mailand gelandet. Sicherlich auch ganz nett, das hätte meiner Geschichte nut eine erheblich andere Richtung gegeben.

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Freitag, April 5th, 2013
Letzte Fahrt nach oben

Der wohl schönste Aufzug Wiens hat seinen Betrieb eingestellt. Gezwungenermaßen. Wegen irgendwelchen spaßbremsenden Dingen wie Sicherheit und Vorschriften, so stand auf dem Brief der Hausgenossenschaft zu lesen. Wenn es jedoch nach mir und meinen Regeln für die Welt gegangen wäre, hätte er noch ewig in den 2. Stock hochstottern können.

Schon alleine, wenn man diese Jugendstil anmutende Holztüre hinter sich zu donnerte, kam man sich vor wie zu Kaisers Zeiten . Und während der Fahrt nach oben, war man ganz nah an diesem unheimlichen Gefühl, dass die Menschen zur vorletzten Jahrtausendwende gehabt haben mussten: Diesen tiefen Respekt vor der schnaufenden und fauchenden Kraft der Technik. Diese Hilflosigkeit, mit der man mit dieser omnipotent wirkenden Kraft ausgesetzt war.

Richtig viel ist von dieser Kraft natürlich nicht übrig geblieben. Nur noch Wackeln und Scheppern. Zudem sind wir im Jahre sechs des Smartphones natürlich nur noch chromglänzende High-Speed-Power-Lifte mit serieller Sprachfunktion und Touchsreen gewöhnt. Solche, die sich wahlweise im Notfall in einen hochintelligenten Roboter verwandeln oder das Raum-Zeit-Kontinuum auflösen können.

Dieser Aufzug aber, der jetzt nach gefühlten 200 Jahren spärlich verlässlicher Betriebsamkeit in diesem, unserem Hause zum Altschrott down-gegraded wurde, konnte nicht einmal mit einer Person an Bord nach UNTEN fahren. Nur Leerfahrten waren möglich. Andersherum bedeutete das aber auch, dass es mit diesem Ding für den Fahrgast immer nur aufwärts ging. Und damit ist in unserer turbulenten High-Tec-Zeit so ein alter Klapperkasten wohl humanistischer als Siri es je wird sein können.

Elevator has left the building. Quasi :-(

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Donnerstag, März 21st, 2013
relativ voll

glas

Die ewig gleiche Frage: Ist das Glas halbleer oder halbvoll? Was verrät ein Glas mit etwas Flüssigkeit über den Menschen an sich und sein Blick auf die Welt?

Für den optimistischen Sonnenschein, so die hinlänglich bekannte Aussage, für den ist das natürlich halbvoll. Weil alles, was er in seinem großartigen Leben anpackt mit rosa Zucker gepudert ist.
Der nihilistische Pessimist jedoch, der sich beim morgendlichen Rasieren zusätzlich auch mal die Unterarme aufritzt, der findet das natürlich halbleer. Aber so was von. Und außerdem eh alles wurscht.

Ich aber, ich als Realist bis auf die Knochen, der dem Leben täglich in dessen ungeschminkte Fratze blickt. Der – so viel privates sei an dieser Stelle erlaubt – nur ganz selten durch seine Luftschlossparadise traumwandelt – der weiß es natürlich besser: Die oben genannte These ist völliger Humbug. Haarspalterei. Eier-auf-der-spitzen-oder-stumpfen-Seite-aufschlagen-Sinnlosdiskussion. Es kommt nämlich auf den Inhalt an. Nicht die Menge. So!

Denn würde sich in dem Glas ein, sagen wir mal, himmlisch leckerer, gerade richtig kühler, ideal fruchtig-süßer, lieblich dekorierter karibischer Cocktail befinden – an einem Tag, an dem die Sonne mit voller Kraft vom Firmament feuert – dann wäre selbst der größte Optimist betrübt über den fortgeschritten Schwund seines Kaltgetränks. Vor allen, wenn die Sonne noch eine Weile von oben quälen würde und der leere Geldbeutel keinen Nachschub an Flüssigkeit ermöglicht.
Das Gleiche gilt für ein Zaubertrank der unsichtbar macht, Viagra in Flüssigform oder den letzten Rest Erdöl auf dieser Welt. Und zumindest Letzteres wird zwangsläufig irgendwann kommen.

Andersrum läuft wohl jedem halbwegs normal veranlagtem Menschen einen Schauer über den Rücken, bei dem Gedanken, dass er noch die zweite Hälfte seines Lebertrans trinken muss. Oder von Tante Trudes Spitzwegerichsaft, der angeblich so gesund sein soll und dabei so bitter ist, dass es einem die Schleimhäute versteinert. Oder einfach nur jedes Glas Ottakringer Bier. Da ist jeder Schluck zu viel.

Allgemein hin zumindest. Von irgendwelchen unsäglichen Wonneproppen, die an jeden Scheiß noch irgendwas Gutes finden mal abgesehen. Aber das ist mir dann eh alles wurscht. Und zwar so was von.

Samstag, Februar 16th, 2013
Krone der Kleidung

Ich habe mir einen neuen Hut gegönnt. Und eigentlich ist es mehr, als nur ein Kleidungsstück. Es ist ein Statement. Eine Verbeugung. Eine Reminiszenz an meinem Lieblingsmaler René Magritte. Der Surrealist mit den Tauben, Äpfeln und eben halt Melonen. Letzteres nicht nur auf den Bildern, sondern auch sein textiles Markenzeichen im echten Leben. Und ich finde, mein Haupt krönt diese Kopfbedeckung auch ganz prächtig und geschmackvoll.

Allerdings zweifelt es in mir gerade, ob die Melone in Kombination mit dem Gehstock nicht zu Droogiemäßig rüber kommt. Womöglich sind beide Accessoires besser getrennt von einander zu genießen. Oder zusammen nur an sehr hohen Feiertagen.

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Samstag, Januar 12th, 2013
Vorbei mit der Völlerei

Ich lasse es momentan essensmäßig etwas ruhiger angehen. Wegen Weihnachten und Plätzchen und so. Keinen Zucker, kein übermäßiges Fett und kein Getreide mehr (Weizen, Dinkel + Roggen – davon isst man eh immer zu viel).

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Echt jetzt! Ganze drei Monate lang. Aber mindestens zwei!

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So was wie der Alpenburger hier mit Rösti, Speck und Spiegelei geht dann also gar nicht … normal.
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Denn dass ich die drei Monate auch schaffe, hab ich mir einen Trick überlegt: Samstags gilt das nicht.

Mittwoch, Januar 2nd, 2013
Uns gibt’s ja noch in 2013!

Ha, doch nicht untergegangen! Kein Asteroidenregen, kein atomarer Exitus. Alle wohlauf und putzmunter. Also, ein frohes neues 2013 an alle da draussen!

Mein Jahr 2012 endete so, wie es anfing: mit einer unvorhergesehen aufgetauchten Kleinigkeit. Nun allerdings mit etwas anderen Vorzeichen und in letzter Instanz dann doch nicht so unvorhergesehen. Eher heraufbeschworen. Dazwischen aber war alles sehr großartig und famos und so darf es für 2013 bitte auch weiter gehen. Nur noch ein bisschen mehr. Denn schließlich stehen große Pläne an, die verwirklicht werden wollen. Ich spüre schon das Kribbeln auf der Zunge. 2013 wird ein Meilenstein.

Sonntag, Dezember 2nd, 2012
Catrin & Phil

Am Freitag haben Catrin und Vapiano-Phil geheiratet. Euch beiden nochmals alles erdenklich Gute! Es war ein wundervoller Abend da hinten im tiefsten Niederösterreich.

Und wieder daheim räumt man am nächsten Tag die zweite Decke von seinem Bett, weil sie plötzlich nicht mehr gebraucht wird. Es war meine Entscheidung. Aber wohler ist mir dadurch nicht. Auf dem Tisch steht noch ihr Wasserglas. Manche Wochenenden bieten wirklich von beiden Seiten das volle Programm.

Freitag, November 9th, 2012
49 Quadratzentimeter Sex und Gewalt

In den Jahren der ausklingenden Adoleszenz legte ich mir das Anachronistischste zu, was die späten Neunziger zu bieten hatten: Einen MiniDisc-Player. Der letzte Rest vom Hier und Jetzt.

Um zu verstehen, weshalb der Erwerb dieses Abspielgerätes für mich einen ultimativen technischen Fortschritt bedeutete, muss man wissen, dass ich nie zu den Freunden von Tapes gehörte. Weder im Musikbereich, noch bei Filmaufnahmen. Egal ob VHS, Musikkassette, MiniDV oder DAT – Magnetbänder hatten in meinen Augen immer diese verklärte Nuance von Nostalgie. Es waren alles nur Abkömmlinge von irgendwelchen 1-Zoll-Spulengeräten und starben jedes Mal ihren kläglichen Bandsalat-Tod.
MiniDisc aber war anders. MiniDisc war Fortschritt und Freiheit in einem. Vor allen, da Discmans nur eine unzureichend zufrieden stellende Alternative boten. (CDs brennen lief noch in Echtheit der Lauflänge ab. Zu horrenden Preisen. Und nur jeder dritte Versuch glückte.)
Die kleine quadratische Hülle mit der Disc im Innenleben erlaubte ein unkompliziertes und unaufhörliches Aufnehmen, Neu-Aufnehmen, Re-Arrangieren und Löschen der Tracks. Und das alles kompakt und stoßfest. Wir waren erwachsen geworden und hatten endlich die fragilen Tonträger unserer großen Geschwister hinter uns und im Schatten gelassen. 7 mal 7 cm stahlharte Ehrlichkeit. 49 qcm Durchschlagskraft.
Wir waren bereit – das neue Jahrtausend nur noch ein paar alkoholumnebelte Silvesternächte entfernt. Die Gegenwart gehörte uns und Zukunft nahmen wir gleich mit.

Die Handhabung des Gerätes war denkbar einfach. Eine Disc wurde reingesteckt – eingeführt – zielstrebig und mit einem finalen Stoß. Einzig auf das Eine aus. So rituell und totalitär. Oder wie das Bestücken eines Pistolenmagazins im Action-Thriller. Die Ouvertüre zu Spannung, Kampf und Gefahr. Und am Ende vögelt der Held trotzdem das Mädchen. So war jede Samstag Nacht in der wir loszogen, mit dem Player in der Tasche und den Stöpseln im Ohr, ein Auftrag und man hatte uns für die heikle Mission ausgewählt. Nur, wir waren nicht freigegeben ab 12 Jahren – wir waren die harte 18er Uncut-Version mit all ihrer Gewalt, Lust, Euphorie, Angst und Hass.

In Kathrin Bigelows ›Strange Days‹ wurden auf MiniDisc Erinnerungen wie Filme abgespeichert – samt den dazugehörigen Emotionen. Im Film selber kam es dem Konsum von Drogen gleich und in der Echtzeit der Realität war die Musik in unseren Ohren die Droge – und wir die Junkies. Auf der Suche nach dem, was die Nacht und unsere gesamte Zukunft wohl bringen mochte.

I’m So Strong Out, Un-Break My Heart, Torn, I Don’t Want to Miss a Thing, Out Of the Dark, – mit jedem Laden der Disc setzten wir uns einen neuen Schuss.

Schaltete man das Gerät später aus wünschte es uns in einer kantigen LED-Schrift zum Abschied ›GOOD BYE‹. Und es klang in unseren Ohren, wie ein rauer Abgesang auf alles was wir zu dieser Zeit hinter uns zu lassen hatten: Hausaufgaben, Entschuldigungsschreiben, feste Essenszeiten – das gut behütete Elternhaus und den Rest spießbürgerliche Kindheit aus den Achtzigern. Mit aller Konsequenz unseres brennenden Fleisches.
Und nach dem Akt des Musikhörens drückte man den kleinen, seitlichen Hahn und warf die Disc genauso abgeklärt beiseite, wie ein benutztes Kondom.

Aber der Erfinder Sony war zu spät. Um mindestens ein halbes Jahrzehnt. Die MiniDics verschwand ehe sie überhaupt ihren Siegeszug antreten konnte und mit ihr die letzte Innovation physikalischer Tonträger. Zur Jahrtausendwende schwirrten längst Abermillionen unsichtbare mp3s durch überforderte 56k-Modems und fielen wie Heuschrecken über die Musikindustrie her. Die neuen Dealer der süchtig machenden Ware hießen Napster, eMule und Gnutella. Weit weg und sauber getrennt von Wand und Telefonbuchsen. Wie all die Titten und Ärsche, die wir parallel dazu gleich ebenfalls runter luden. Das Leben wurde zur Oberfläche und wir mit einem Klick endgültig erwachsen.
Und am 23. Oktober 2001 rief Steve Jobs das unwiderrufliche Ende von ›reinstecken‹ und ›rausziehen‹ aus. ›EJECT‹ war tot. Ein iPod hat nun mal keine Auswurftaste mehr.
Die Formen der neuen Abspielgeräte sind klar und clean wie der Umgang mit ihnen. Jetzt streicheln wir nur noch sanft über ein glattes Retina-Display. Mein iPod-Touch wiegt nur ein Drittel vom alten MiniDisc-Brocken.
Leichter fällt mir die anstehend Entsorgung dadurch nicht. Aber es muss sein. Der Akku ist kaputt. Der Saft ist raus. Der letzte Rest vom Hier und Jetzt sagt endgültig ›GOOD BYE‹.

Sonntag, Oktober 14th, 2012
Über Stock und Stein

Die letzten Tage waren vollgestopft: Mit Buchmesse, Frankfurt, Beautyqueen-Premiere und Geburtstag. Und zu letzterem habe ich mir selbst einen Gehstock zugelegt. Denn wann, wenn nicht jetzt?

Passend zu Gilet und Seesack kann ich also frohen Mutes in die nächsten Lebensjahre stapfen. Und vielleicht zur ein oder anderen Bühnenlesung.