Mal wieder was für die Augen. Mit der Knipse frisch von der Wand gepflückt.
‘asphaltnotizen’ von gestern
Kill the poor
Gebettet im Schoß der österreichischen Berge atmet Salzburg bedächtig die warme Juniluft ein. Ruhig zieht sich der Lauf der Salzach durch die geschliffene Altstadt. Ein paar Fiakerpferde traben am Dom vorbei. Nur die großen Touristengruppen bringen Busweise Unruhe ins stille Bild. Doch so sehr sie auch durch ihre digitalen Sucher spähen und jedes stuckverzierte Haus dokumentieren – die Essenz von Salzburg entgeht ihnen: Das lustvolle Spiel im Verborgenen. Von Verführung und Macht. Salzburg ist das Paris der Alpen. Nur katholischer.
Die Macht, zumindest auf das Monetäre bezogen, gibt sich dabei noch recht offensichtlich. Ein Blick nach oben genügt. Wem die Geschäftszahlen hold sind, füttert seinen mühsam erworbenen Status mit einem 6-gängigen Menü im ›m32‹ – dem Restaurant des Museum der Moderne. Auf dem Hügelkamm des Mönchsberg. Mit einem sensationellen Blick hinab zu Fluß und Dom. Bei Nacht knistern die Straßenlichter wie ein Kaminfeuer im Turmzimmer.
Als Alternative böte sich noch die Dachterrasse des Hotel Steins an. Ein von außen unscheinbares Bauwerk, dass Innen mit einer grandiosen Mischung aus 50er-Jahre-Design und Art Decó aufwartet. Bedauerlicherweise hat sich besagte Terrasse zu einer Snobisten-Lounge mit arrogantem Türsteher aufgeplustert. Vor kurzem aufgekauft von einem Salzburger Bonzensprößling. Wer nicht dazu gehört, kommt auch nicht rein. ›Kill the poor‹ lautet die Ansage von der Freunden des Wohlstands. Nicht umsonst lief ein Stück unter diesem Titel auf den letztjährigen Festspielen hier.
Salzburg ist also ein Pflaster, das mit Liebe von oben herab schaut. Gerne mal auch auf sich selbst. Letzteres ist durchweg positiv gemeint. Denn da unten, genau zwischen Dom und Universität, verbirgt sich besagte Verführung: Die engen Gassen, die kleinen Hinter- und Zwischenhöfe. Die Kellergewölbe. Und vor allen die unzähligen Durchgänge in den Häusern. Schmale Tunnels, die man entlang gleitet, die man durchdringt. Steinummantelte Intimität. Schicht um Schicht tastet man sich vor.
Alles ist verwinkelt und verwoben, so vielschichtig, so, geheimnisvoll. So, wie es nur fein gesponnene Erotik zu sein vermag.
Wohl dem, der in diesem Spiel die Fäden in der Hand hält.
Genau für diejenigen gibt es nämlich den kleine Laden ›atemlos‹, der in einem dieser verschatteten Hinterhöfe liegt. Eine edle Boutique für explizite Stunden zu zweit. Mit Seide und Spitze. Handschellen und Reitgerte. Und einem lilafarbenen Lineal mit goldener Quaste. ›le petit leçon‹.
Und als Belohnung packt man dann die echten Mozartkugeln – oder fast noch besser: Bachwürfel – der Confiserie Fürst aus ihrem silbrigen Staniolpapier. Die kaufen auch die Touristen in Massen. Nur ohne zu ahnen, welche lustvollen Verführungen mit ihnen verbunden sein können.
Die Farbe des Gespenstes, Oder: Where the magic happens and the lions live
Der Regionalzug 553 windet sich durch die frühmorgendliche Landschaft und schiebt mit stählernem Gähnen die kleine Hügelkette auseinander, um den Blick auf schneebedeckte Bergkuppen freizugeben. Erst da, den Semmering verschlafenen vor mir, wird mir gewahr, dass ich mich außerhalb von Wien befinde. Zum ersten mal seit drei Jahren Österreich. Um Neues zu entdecken: Neue Ecken. Und Orte. Und Gedanken.
Der Endstationsbahnhof heißt Graz, Hauptstadt der Steiermark. Doch Graz ist nicht nur Regierungsstadt, sondern auch – laut UNESCO und jedem dritten Schaufenster zufolge – die ›City of Design‹. Ein Label, mit dem der Tourismusverband bares Geld in die Gassen rund um das Flüsschen Mur schüttet. Erzählt mir zumindest Stefan, ein Fotograf, in dessen beeindruckendes Kreativ-Gemeinschafts-Büro ich einfach neugierig reinspaziert bin – keine fünfzehn Minuten nach meiner Ankunft. Als Gastgeschenk bekomme ich einen schniecken Siebdruck gereicht. Das Gemeinschaftsmotto: ›Where the magic happens and the lions live‹. Limitiert und handsigniert.
Draussen, vor der Tür, im Hipsterviertel namens Lend, sitzen die Zeugen Jehovas auf einer Bank und halten den Wachturm in die warme Märzsonne.
Überhaupt: Graz ist wesentlich entschleunigter als Wien. Wobei die Donaustadt ja auch nicht gerade zu den High-Speed-Metropolen des Globus zählt. Noch langsamer und man bleibt stehen.
Und eben das tue ich auch bei jeder Gelegenheit. Um festzustellen, dass die Sache mit dem Design absolut berechtigt ist. Zumindest scheint Graz, als hätten sich seit 3 Jahrzehnten alle österreichischen Architekturstudenten hier versuchen dürfen. Ein wildes Kunterbunt von Farben und Formen und Flächen. Und Satzskulpturen.
Flüstert mir doch die Wand des Landtags unvermittelt die Wörter ›Farbe des Gespenstes, 233‹ zu. In einer streichholzgroßen Serifenschrift. Lyrik und Ligaturen gehen immer, denke ich mir und bin nicht nur hin und weg, sondern auch immens neugierig, was mir das sandfarbene Gemäuer damit sagen möchte. Mein erster Gedanke ist natürlich, dass die Zahl einen PANTONE-Farbwert darstellt. Mit dem zweiten verwische ich das wieder und frage lieber gleich die blonde Dame im Tourismusbüro. Die ist aber ebenso ratlos wie die Informations-Allmacht Google. Keinen Schimmer wo man schaut. Zu dritt stehen wir also blöd da und Google lässt unmotiviert Werbung aufblinken. Alleine bin ich da wohl besser dran und ziehe meinen Weg über Grieskai, Herrengasse und Jakoministraße unverdrossen weiter.
Mittendrin, in der Annenstraße, wedelt der im dunkelgrünen Cord gekleidete Besitzer des Orient-Textil-Shops emsig seine 2,50 Euro Ware sauber. Untergebracht ist sein Geschäft in einem 60er-Jahre-Bau und die asiatischen Lettern über der Tür wurden einst – zehn Jahren ist das her – mit einem Pinsel aufgetragen. So lange gibt es nämlich den Laden schon in Graz. Herr Wang, der Name ist erfunden, erzählt mir, dass er schon seit zwanzig Jahren hier wohnt. Was er die zehn Jahre vor seinem Textil-Shop gemacht hat, vergesse ich leider zu fragen.
Knapp zwanzig Jahre ist übrigens auch Pulp Fiction alt. Und an Tarantino hat mich dieser handmade Asia-Vintage-Mix vom ersten Wedeln an erinnert.
In irgendeiner Art fündig werde ich in dem Ramschladen freilich nicht. Im gegenüberliegenden Esoterikschuppen mit dem klangvollen Namen ›Flügerverleih‹ ebenso wenig. Dafür im Prato im Palais, bzw. an dessen Wand. Das stilvolle Kaffeehaus-Logo lockt mich in den Innenhof und da erblicke ich doch tatsächlich eine weitere Inschrift: ›Farbe von Silber, Nickel, Chrom oder eines Kratzers in diesen Metallen, 258‹. Das Café Prato samt dazugehöriger Wand ist Teil des Museums im Palais. Und somit komme ich meiner typografischen Sinnsuche doch schon deutlich näher.
Richtig umfassend kann mich die Dame an der Museumskassa aber auch nicht aufklären. Die hat noch nicht einmal besagten Schriftzug bemerkt. Mit etwas Mühe schält sich aber eine amerikanische Künstlerin, Wittgenstein und zwei weitere Lokalitäten als Information heraus.
Eine der Orte mit Schrift ist das Kunsthaus, eines der zwei Wahrzeichen von Graz. Als hätte sich ein bautypischer 2000er-Glaskasten mit einem graublauem Schleimbazillus infiziert. Auf halbem Weg zu den Toiletten lese ich dort, dass der ›Farbweg, direkt von Blau zu Gelb, 41‹ führt. Interessant. Aber weder im CMYK-, noch im RGB-Farbraum korrekt. Wittgenstein schrieb seinen Aufsatz ›Bemerkungen über die Farben‹ nun mal in der Zeit von Schwarz-Weiß-Fernsehen. Deshalb wohl.
Mein letzter Schriftweg bringt mich zum Schlossberg und dem Volkskundemuseum hoch. Doch was ich da lese lässt mich unbeeindruckt und ist keine zwei Schritte später schon vergessen. Die lyrischen Gespenster sind verflogen, die Grazer Tumruhr schlägt zur Abendstunde. Gegessen habe ich leider schon, sonst hätte ich mir ein Frenchbart, ein Galettes mit Brie, Birne und Preiselbeer in der zauberhaften Crêperie ›Le Schnurrbart‹ gegönnt. Nächstes Mal.
Oben am Schloss und der schlagenden Turmuhr, dem zweiten Wahrzeichen der Stadt, angekommen, blicke ich auf die Dächer unter mir.
Graz, also. Die zweitgrößte Gemeinde Österreichs. Und somit auch Ballungszentrum unterschiedlichster Kulturen und sozialen Schichten. Graz scheint beides zu haben: Den Altstadtcharme einer Kleinstadt und die Wucht der Plattenbauten, die sich einmal rundum gegen die Innenstadtgassen drücken.
An den Schlosspark in luftiger Höhe könnte ich mich gewöhnen. Würde ich hier wohnen, mein Weg führte jeden Abend hier hoch. Für die Jugendlichen hier tut er das im Zweifel auch. Besonders im Sommer. Aber schon jetzt rennen sie zahlreich in Shirt und Hotpants rum – während mich vier Lagen Stoff wärmen müssen. Die Hitze der Jugend halt. Einer, mit Jogginghose, weißgerahmter Sonnenbrille und Kopfhörern rappt den blutroten Abendhimmel an. ›Hate nicht beschissner Bengel, wenn es regnet pissen Engel‹.
Irgendwo am Rande des Plattenbaugürtels steigt Rauch auf und Sirenen heulen die Mur entlang.
Dann kommt wirklich eine Regenfront von Osten rüber. Meinen Siebdruck sicher unter der Jacke verstaut eile ich den Berg hinab und Richtung Bahnhof. Denn da wo die Löwen wohnen, schadet Engelsurin dem Frühlingsgefühl. So viel habe ich in der ›City of Design‹ gelernt.
eine literarische fingerübung zur schärfung der sinne und des satzbaus
Bei Ankunft ist das Eisentor noch geschlossen. Für ein paar Augenblicke. Bis der Wärter kommt, mit der Morgensonne im Rücken, und die geschmiedete Pforte zum Friedhof öffnet. 7 Uhr. Ein Samstag im März. Vom Himmel streicht schwaches Gelb über die Tannenwipfel. Am Boden ist noch mehr Nacht als Tag und das Gras um die Gräber überzogen mit blassem Raureif. Die ewig langen Wege durch die Vita Tausender, enden allesamt im weißen Dunst – im Totengewand des Horizonts.
Man kann den Atem aus dem Mund strömen sehen. Kurz. Flieht er doch nach jedem Lungenstoß sofort ins Unsichtbare. Als wäre ihm an diesem Zwischenort nicht bewusst, auf welche Seite er gehöre.
Ein paar Raben schreien.
In der Ferne heult der tonnenschwere Stahl eines bremsenden Güterzuges.
Hinten, wo die Totenstätten schon über ein Jahrhundert vor sich hin wittern, ziehen sich Wurzeln und Ranken durch das versteinerte Menschsein. Übrig ist nur eine abgeblätterte Erinnerung in goldener Frakturschrift. KaiserzeitGotisch. Mit Verziehrungen. Verschattet von mächtigem Baum- und Buschwerk.
Für die besten, unvergessenen, die edelsten. Tief betrauert von Gattin, Kinder und Enkel. Entrissen. Genommen. Nach Hause geführt. Auf eine Inschrift zeigt das flaue, durch kahles Geäst gebrochene Licht besonders: Fanny Reitmann. Verstorben am 22. Dezember 1913. Sie wurde 37 Jahre alt. Ein Leichenstein so schwer und schwarz, wie die Verzweiflung der Hinterbliebenen.
Du hattest meine Hand genommen und unsere Finger wie ein Sigel verschmelzen lassen – in tiefer Höhle der Nacht. Wir selbst waren nur Umrisse, beschienen durch eine einzige Kerze, geborgen im warmen Daunen des Bettes. Unser Atem tastete sich behutsam über unsere Körper. Und in meinem Blut schlug für immer deine Liebe.
Unten, am frostigen Boden, schlägt die Wiese hohe Wellen zwischen den halb versunkenen Grabsteinen. Wie unruhige See, in der Schiffbrüchige um ihr Leben kämpfen und doch letztlich dem unausweichlichen Schicksal ausgeliefert sind. Und mitten in diesem Ozean aus Leid und Abschied schaut ein Rehbock rüber. Keine zwei Meter entfernt. Der nussige Duft von Buchsbaum hat ihn angelockt. Jetzt steht er da und zögert, ob er fliehen oder äsen soll. Sein Blick ist konzentriert, alle Muskeln gespannt. Hinter einem Efeu ummantelten Gedenkstein löst sich ein zweites Tier. Eine Ricke. Und dann noch eine. Sie stehen beisammen, zu dritt, der Bock schützend in Front. Schauen – und ziehen kollektiv weiter. Ein paar Reihen tiefer ins Gehölz, wo neuer Buchs wartet. Und Moos – auf den salzigen Steinen ewiger Trauer.
Hier ruht mein Alles. Mein innig Geliebtes.
Welcher Weg?
Jeder Moment deines Lebens ist eine Entscheidung. Für etwas oder gegen etwas. Nicht nur was du machst – vor allem wie du es machst. Handeln, Reden, Gedanken. Alles eine Entscheidung, für den Weg, den du einschlägst. Oder längst unbewusst eingeschlagen bist. Links rum. Rechts rum. Schnurgerade nach vorne. Auf der Stelle geblieben. Dreimal im Kreis gelaufen.
Du kannst dich zu zehn weiteren Liegestützen zwingen. Du kannst noch ein wenig länger die ausgetretenen Schuhe tragen. Du kannst gehen oder du kannst bleiben.
Bist du der, der Sonntags immer früh raus muss? Oder der, der nach jeder Party der aufgehenden Sonne gute Nacht sagt?
Wenn du ganze Wochen faul in die Federkernmatratze drückst, macht das aus dir halt keinen Gipfelstürmer. Ist so.
Und deswegen stehst du jetzt da. Am Fuße dieses wunderschönen Viertausenders. Legst denn Kopf in den Nacken und schaust sehnsuchtsvoll den Berghang nach oben. Schnee glitzert auf der Spitze, wie feine Schweißperlen nach süßem Lakengerangel. Vom Westen her schlägt die Abendsonne eine goldene Kante aus dem Fels. Und in dem Moment wird dir gewahr, dass du beim Versuch den Brocken zu erklimmen mit absoluter Sicherheit schon nach zwanzig Höhenmetern mit Seitenstechen im Graben liegen wirst. Gefickt von einem 22 Milliarden Tonnen schweren Stein.
Weil du immer mit der Straßenbahn zur Uni gefahren bist und nicht das Bike genommen hast, wie die ganzen sportlichen Kommilitonen in ihren lässigen Bermudas. Weil du deine Kohle konsequent auf den Pokertisch gestapelt hast. Anstelle des Bausparkontos. Oder mal vorsorglich investiert in ein paar astreine Wanderstiefel.
Deswegen stehst du jetzt da – ohne Rüstzeug und Kompass und dieses bunten Nylonseilen mit chromglänzenden Karabinern. Und beneidest den Typ, der frech vom Gipfelkreuz hinab winkt.
Aber noch ist nichts verloren. Mittellos heißt ja nicht unbedingt chancenlos. Du willst da auch hoch. Auf jeden Fall. Mit dem Heli dich hochschrauben lassen, für den großen Auftritt samt Top-Gun-Sonnenbrille, ist ein geiler Plan, aber du bist nicht Tom Cruise. Du bist nicht mal der Typ, der Tom Cruise für die Foto-Touristen am Walk of Fame immitiert. Du bist scheiße noch mal du selbst – dem viel zu spät klar wird, dass jeder vergangene Moment seines Lebens eine verdammte Entscheidung war. Für etwas oder gegen etwas.
Jetzt bleibt dir nur noch dein Improvisationstalent. Frei aus dem panikverkrampften Bauch heraus. ›Geronimoooo‹ brüllend schlägst du die Notfallscheibe ein und schnappst dir die sprichwörtliche Axt, um dir deinen Weg freizukämpfen. Und genau die hältst du dem Trachtenbauern im Tal drohend unter die Schnupftabaknase. Wehe mein lieber, wenn du mir für mein letztes Hemd am Leibe nicht deine treue Eseldame überlässt. Wehe dir. Das machst du dem Landwirt klar. Unmissverständlich. Du bist schließlich der, der nichts mehr zu verlieren hat.
Der Bauer hat ein Einsehen, holt die gute Paula aus dem Stall und nimmt dein 24-Euro-H&M-Hemd entgegen. Und dann schwingst du dich mit nacktem Oberkörper auf das Maultier und gibst fleißig Sporen. Viel Zeit bleibt nicht. Es droht die finstere Nacht einzubrechen. Also immer weiter. Quer durchs Gehölz. Keine Angst. Sich einfach nur auf das eigene Gefühl verlassen. Und auf den Instinkt des Tieres. Herabhängende Äste hackst du kurzerhand mit dem roten Feuerwehrbeil ab.
Der Muli keucht, wie er über die Mittelstation sprintet. Aber groß verschnaufen ist nicht. Ein bisschen Quellwasser im vorbeigaloppieren und ein zwei, drei Disteln vom Wiesensaum. Die Sonne senkt sich unbarmherzig gen Abendland. Stück um Stück.
Und dann, wenn der feuerrote Ball schon bis zur Hüfte im Horizont versunken ist. Dann nimmst du die letzte Steigung und stehst umspühlt vom Höhenwind auf der Spitze von Viertausend Metern.
Geschafft! Den Berg besiegt.
Deine Hand schlägt stolz das Gipfelkreuz ab – und deine Faust landet krachend im Gesicht des debilen Winke-Typen. Paulas Hinterhufe geben ihm den Rest. Die Schlucht, die er hinabfällt ist zu tief, um den Aufprall zu hören. So war es vorbestimmt. Von Anfang an.
Episch gleitet dein Blick über das Zentralmassiv. Die Gipfel brennen, wie die Leidenschaft in deinen Adern, die du ab diesem Tag immerdar fühlen wirst.
Ein einzelner Moment wird kaum dein Leben verändern. Aber alle zusammen in einen Sack gestopft, sind entweder lähmende Last oder lassen dich wie Montgolfier seiner Zeit empor steigen.
Du atmest tief die eisklare Luft der oberen Troposphäre ein und weißt längst: Jeder Moment eine Entscheidung und jede Entscheidung ein Statement. Oder etwas, das eines werden kann – wenn du es nur zulässt.
wien steht still
Schnee liegt keiner. Alle Fenster sind frei von Eisblumen, die Windschutzscheiben nicht einmal mit Raureif bedeckt. Die grelle Sonne klafft als weiße Wunde vom Himmel. Es gibt keine sichtbaren Beweise, bis auf den Atem vor unseren Augen.
Wir hören unsere Körper schreien über jede Sekunde, die wir draussen verbringen. Aber sehen, sehen können wir nichts. Denn die beißende Kälte dieser Tage ist ein Schatten hinter unserem Rücken. Geworfen vom eisigen Licht, das wie eine Verhörlampe in unseren Augen brennt.
Wo warst du, als alle Welt dachte, der Winter hält für dieses Jahr die Füße still? Denn jetzt, so spüren wir, trampelt er mit voller Wucht einem im Gesicht herum.
Es ist der Tod, der dieser Tage durch die Gassen zieht. Der seine Kraft aus der Körperwärme der Lebenden zieht. Er ist auf Raubzug aus.
Kaum geht man auf der Straße spürt man seine Finger im Schraubstock des Februars eingespannt. Das Gesicht ist wie durch Botox gelähmt. Wir bewegen uns schwerfällig. Schritt für Schritt – mit Schultern bis zu den rotgefrorenen Ohrmuscheln hochgezogen. Die Erde dreht sich in den Wintermonaten langsamer. Wir Menschen passen sich dem nur an.
Die erbarmungslose Kälte schluckt allen Tatendrang, Enthusiasmus und Bewegung. Wien steht still. Hier passiert gerade gar nichts.
»Der Rubikon ist überschritten!«, möchte man in den eisigen Gegenwind rufen. Doch die Gesichtsmuskeln sind von -15° Celsius immer noch völlig narkotisiert.
7.am
Entgegen aller meiner Gewohnheiten bin ich heute mal um 6 Uhr morgens aufgestanden. Ohne einen direkten Anlass oder Eile. Gefrühstückt, die Schuhe gebunden und raus in die wegbrechende Dunkelheit. Weil man sowas ja nie macht; weil man ja immer seinen festen Tagesrhythmus hat. Um die Uhrzeit, da draussen, folgen die Menschen mechanisch ihrem inneren Antrieb. Hin zur Arbeit, wie immer. Dabei sehen sie gleichsam ferngesteuert und ziellos aus. Als hätten sie noch gar nicht begriffen, dass der neue Tag mit all seinen Mühseligkeiten längst begonnen hat. Sie schlummern halb und träumen noch. Ebenso der Müllmann im 1. Bezirk – vor der Auslage eines prunkvollen Uhrengeschäfts. Sein Blick gilt einem Chronographen für 20.000 Euro. So steht er da, mit seiner hellen Neon-Uniform um düstere 7 Uhr morgens. Luftschlösser bauend. Wie eine Kerzenflamme, die sich vornimmt einen ganzen Stadtteil ausleuchten zu wollen.
no christmas carol 2
Die Nacht lehnte an jeder Ecke der Stadt und versuchte listig uns zu einem Spielchen zu bewegen. Der Einsatz schien niedrig, ein möglicher Verlust hinnehmbar. Dennoch – ich ließ mich zunächst von den Hütchenspieler-Tricks nicht beeindrucken und die vier Mädels alleine in einen dunklen Keller-Club abdriften. Die vier Kolleginnen, die von der offiziellen Weihnachtsfeier des Riesenrad-Fotoshops noch übrig geblieben waren. Alle anderen hatten der Nacht mit ihren Verlockungen längst den Rücken gekehrt und waren ins Bett enteilt. Wir fünf aber zogen noch weiter. Zum besagten Club, dessen Eintritt ich verweigerte. Da eine der vier Damen zwar der Trumpf meines goldenen Herbstes, nun aber keine Karte mehr im Blatt auf meiner Hand war. Den Stich würde diese Nacht ein anderer holen. Ich blieb also außen vor. Was sollte ich spielen, wo es nichts zu gewinnen gab.
Doch der Hunger nach Glück und Sieg klebte mir weiter am Gaumen. So waren die zwei fremden Burschen, die ebenfalls mit ungestillter Lust aus eben diesem Club getorkelt kamen, mein willkommener Einsatz. Die Kugel rollte wieder.
Und auf dem breiten Pflaster des Grabens hatten die Christbaumverkäufer ihre Ware frisch aufgebaut:
Ich ging mit. Wohin auch immer den Weg uns bringen würde. Setzte kleine Beträge und überließ den hohen Einsatz den beiden Burschen. Einer erklomm im Feuer der Nacht eine Tanne. Zerrte und drängte bis der Stamm brach. Seine Siegerrunde führte ihn mitsamt nadelnder Trophäe an den Schaufenstern der Luxusboutiquen vorbei. Bis die Polizei mit Blaulicht angefahren kam. Und wir aufdecken mussten. Ich war fein raus. Kannte weder die Jungs näher noch hatte ich juristisch gesehen irgendeinen Fehltritt begangen. Das Corpus Delicti wäre ohnehin keines Maßes wirklich wert. Dennoch: Die Polizei hatte nun erstmals meine Personalien aufgenommen. Und wer weiß, wann dann nächste Spiel lockt.
no christmas carol 1
Aus meiner Holzbude, aus der ich am Christkindlmarkt Touristen-Schnickschnack verhökere, habe ich freilich beste Aussicht auf meine Kundschaft und alle, die sich sonst noch über den Rathausplatz tummeln. Neben ein paar grantigen Wiener sind das gerne auch osteuropäische Blumenmädchen im Teenageralter, die aus reiner Menschenliebe heraus Rosen unters Volk werfen. In den 80ern hätte man sie plump als “streunendes Zigeunerpack” tituliert, aber heute sind das ja alle Sinti und Roma mit politisch brisanten Hintergrund – kriegsversehrt, verfolgt und überhaupt allgemein benachteiligt. Egal. Da die Blütenfeen mit Migrationshintergrund ihre Philanthropie mit hartem Kleingeld belohnt wissen wollen, werde ich gelegentlich Zeuge einer urmenschlichen Schwäche: der Bringschuld.
Besonders vormittags, wenn viele Halbwüchsige die letzten Schulstunden schwänzen und ihr schmales Taschengeld in gebrannte Mandeln und Kinderpunsch investieren wollen. Junge Menschen, die noch nicht gefestigt genug sind, um den miesen Tricks der Rosenmafia entgegen zu wirken. Die kapitalistischen Blumenkinder zumindest haben ihre Masche intus, wie der Weihnachtsmann seinen Bratapfelschnaps. Freundlich lächelnd kommen sie ihren Opfern entgegen und drängen diesen eine Rose auf, als wäre plötzlich die universelle Liebe in unser aller Herzen explodiert. Scheiß auf Zocker-Spekulanten, Anthrax-Terroristen und abschreibende Ex-Verteidigungsminister. Wir fassen uns alle an den Händen und tanzen um den leuchtenden Tannenbaum. Die Welt ist eine riesige Spielwarenabteilung mit extraflauschigen Kuscheltieren als gratis Give-away.
Aber von wegen: Kaum hat das Opfer eine Freudenträne rausgedrückt ob dem zimtsüßen Utopia mitten in Wien, schon verlangt das 12-jährige Rosengör eine Spende für ihre Großzügigkeit. Und das tut sie mit Nachdruck!
So passiert auch bei einem Akne-geplagten Jüngling mit seiner knapp erreichter Volljährigkeit. Samt der Fotoknipse vor der Brust stapfte er versonnen durch Weihnachtszauber und Zuckerwatteduft und genau in die Arme eines der Camorra-Girlies. Der Burschi machte leider nicht den Eindruck, als würde er souverän jede Herausforderung meistern und hätte auch sonst nur die dollsten Lettinnen vor seiner Kameralinse räkeln – halbnackt und mit provokant gespreizten Schenkeln. Kaum hatte er also die dornenbestückte Zierpflanze angenommen, gab es kein Entrinnen mehr für ihn. Nach kurzem Zögern reichte er seufzend ein 50-Cent-Stück rüber. Doch das war der Lady nicht genug. Mit einer Mischung aus Rotzigkeit und Penetranz belagerte sie den armen Tropf so lange, bis der verzweifelt noch ein paar Münzen nachrückte und letztlich den dreifachen Einkaufwert der Rose berappte. So funktioniert das mit der Bringschuld. Natürlich hätte jeder smarte Zeitgenosse mit Gespür für schwierige Situationen das einzig Richtige getan: Diesem elendigen Rotzbalg ihr halbwelkes Gemüse um die Ohren geschlagen, bis die Pestizide das Hirn der Göre vernebelt hätten wie sonst immer beim Klebstoffschnüffeln. Aber leider sitzt man als mittelprächtig standfester Mensch ruck-zuck in der Tinte und meint in seiner moralischen Einfalt Gefahr zu laufen seinen Gegenüber zu brüskieren. Denn jetzt, wo man etwas bekommen hat, muss auch eine Gegenleistung stattfinden. Oder im schlimmsten Fall denkt man gar, man tut was Gutes. Damit lässt sich natürlich auch prima sein Gewissen beruhigen und die eigene Feigheit bescheißen.
Vielleicht erzählt der schüchterne Tölpel jetzt stolz daheim, dass ihn ein ganz ein fesches und selbstbewusstes Mädel angebraten und mit Rosen beschenkt hat. Nur leider hätte er vergessen sich die Handynummer geben zu lassen. Nächstes Mal halt.
Apropos nächstes Mal: Im Advent 2012 werde ich mal über die Weihnachtsmärkte ziehen. Entweder mit genmanipulierten Killerblattläusen oder mit einem eigenen Rosenstrauß. “Eine Geschenk gegen Spende. Bitte. Danke. Hallo.”





























