Verbrannte Erde

Sonntag, 23. Juni
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Da stehst du. Vor schwarz, Asche, Rauch. Klagst und begreifst nur langsam. In sämtlichen Ecken deines Herzens liegen gekrümmt die dampfenden Leichen. Und dieser Geruch von verkohltem Fleisch klebt an den Kadavern wie ihre, mit der Haut verschmolzene Kleidung. Wieder gescheitert. Wieder alleine. Wieder die beziehungslose Leere fehlender Zweisamkeit.

Alle schönen Erinnerungen – die Nacht am Berg oben, der Kinobesuch mit Adeles Titellied, als sie dich am späten Abend vom Flughafen abholte – haben sich zu einem abstrakten, hässlichen Klumpen verformt, auf dem sich nun ein schwermütiger Aschefilm gelegt hat – wie über die ganze restliche Stadt, vom Stephansplatz bis zum Türkenschanzpark. Und wo vor ein paar Wochen noch die prächtigsten Blumen hätten sprießen können, ist der Boden nun tot und versalzen. Hier wächst gar nichts mehr.
Da stehst du. Mit der Fackel in der Hand und Wut im Bauch. Und einer unendlichen Enttäuschung. Auf dich selbst, auf das Feuer, zunächst sogar auf sie.
Ablehnung folgt den Schuldzuweisungen und umgekehrt. Und erneut drängt sich dir die Frage auf, warum das so Enden musste. Warum du nicht einmal einen Teil deines Lebens verlassen kannst ohne die Flammen wüten zu lassen? Letztlich aber kannst du nur dich verantwortlich machen, nicht sie.

Du verabschiedest dich von Wien wie du gekommen bist: mit einer Niederlage im Gepäck, die schwer auf den Schultern lastet. Aber diesmal ist es trotzdem ein bisschen anders. Das gebrochene Herz liegt auf der anderen Seite – du musst dich nur fragen, ob du deine Entscheidung auch zu tragen bereit bist. Oder ob du an einem ganz bestimmten Punkt einen anderen Weg hättest einschlagen müssen. Lange, lange, bevor das Feuer alles zerfraß.
Bis dahin drängt sich dir eine andere Überlegung auf: Können sich zwei Niederlagen ausmerzen und auf Null nivellieren? Ist das der entscheidende Schlag von der anderen Richtung, der alles wieder ins Lot bringt? Weil man Feuer am Besten mit Feuer bekämpft?

Wenn das so wäre, bliebe in den letzten Tagen inmitten der schwelenden Trümmern die Hoffnung, dass aus der Asche ringsum etwas neues, großartiges wächst. Das es Zeit ist, ab nun nach vorne zu schauen. Mit aller Kraft. Und was immer kommt, mit offenen Armen zu empfangen. Sonst vergehst du bei der nächsten Feuersbrunst gleich mit.
Deshalb hallen über das verkohlte Ödland die mahnenden Worte einer Tragödie, die vor kurzem so beeindruckend zu dir herüber wehten: „So schlagen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch unaufhaltsam zurück, der Vergangenheit zu.“
Der große Gatsby (F. Scott Fitzgerald)