49 Quadratzentimeter Sex und Gewalt

Freitag, 9. November
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In den Jahren der ausklingenden Adoleszenz legte ich mir das Anachronistischste zu, was die späten Neunziger zu bieten hatten: Einen MiniDisc-Player. Der letzte Rest vom Hier und Jetzt.

Um zu verstehen, weshalb der Erwerb dieses Abspielgerätes für mich einen ultimativen technischen Fortschritt bedeutete, muss man wissen, dass ich nie zu den Freunden von Tapes gehörte. Weder im Musikbereich, noch bei Filmaufnahmen. Egal ob VHS, Musikkassette, MiniDV oder DAT – Magnetbänder hatten in meinen Augen immer diese verklärte Nuance von Nostalgie. Es waren alles nur Abkömmlinge von irgendwelchen 1-Zoll-Spulengeräten und starben jedes Mal ihren kläglichen Bandsalat-Tod.
MiniDisc aber war anders. MiniDisc war Fortschritt und Freiheit in einem. Vor allen, da Discmans nur eine unzureichend zufrieden stellende Alternative boten. (CDs brennen lief noch in Echtheit der Lauflänge ab. Zu horrenden Preisen. Und nur jeder dritte Versuch glückte.)
Die kleine quadratische Hülle mit der Disc im Innenleben erlaubte ein unkompliziertes und unaufhörliches Aufnehmen, Neu-Aufnehmen, Re-Arrangieren und Löschen der Tracks. Und das alles kompakt und stoßfest. Wir waren erwachsen geworden und hatten endlich die fragilen Tonträger unserer großen Geschwister hinter uns und im Schatten gelassen. 7 mal 7 cm stahlharte Ehrlichkeit. 49 qcm Durchschlagskraft.
Wir waren bereit – das neue Jahrtausend nur noch ein paar alkoholumnebelte Silvesternächte entfernt. Die Gegenwart gehörte uns und Zukunft nahmen wir gleich mit.

Die Handhabung des Gerätes war denkbar einfach. Eine Disc wurde reingesteckt – eingeführt – zielstrebig und mit einem finalen Stoß. Einzig auf das Eine aus. So rituell und totalitär. Oder wie das Bestücken eines Pistolenmagazins im Action-Thriller. Die Ouvertüre zu Spannung, Kampf und Gefahr. Und am Ende vögelt der Held trotzdem das Mädchen. So war jede Samstag Nacht in der wir loszogen, mit dem Player in der Tasche und den Stöpseln im Ohr, ein Auftrag und man hatte uns für die heikle Mission ausgewählt. Nur, wir waren nicht freigegeben ab 12 Jahren – wir waren die harte 18er Uncut-Version mit all ihrer Gewalt, Lust, Euphorie, Angst und Hass.

In Kathrin Bigelows ›Strange Days‹ wurden auf MiniDisc Erinnerungen wie Filme abgespeichert – samt den dazugehörigen Emotionen. Im Film selber kam es dem Konsum von Drogen gleich und in der Echtzeit der Realität war die Musik in unseren Ohren die Droge – und wir die Junkies. Auf der Suche nach dem, was die Nacht und unsere gesamte Zukunft wohl bringen mochte.

I’m So Strong Out, Un-Break My Heart, Torn, I Don’t Want to Miss a Thing, Out Of the Dark, – mit jedem Laden der Disc setzten wir uns einen neuen Schuss.

Schaltete man das Gerät später aus wünschte es uns in einer kantigen LED-Schrift zum Abschied ›GOOD BYE‹. Und es klang in unseren Ohren, wie ein rauer Abgesang auf alles was wir zu dieser Zeit hinter uns zu lassen hatten: Hausaufgaben, Entschuldigungsschreiben, feste Essenszeiten – das gut behütete Elternhaus und den Rest spießbürgerliche Kindheit aus den Achtzigern. Mit aller Konsequenz unseres brennenden Fleisches.
Und nach dem Akt des Musikhörens drückte man den kleinen, seitlichen Hahn und warf die Disc genauso abgeklärt beiseite, wie ein benutztes Kondom.

Aber der Erfinder Sony war zu spät. Um mindestens ein halbes Jahrzehnt. Die MiniDics verschwand ehe sie überhaupt ihren Siegeszug antreten konnte und mit ihr die letzte Innovation physikalischer Tonträger. Zur Jahrtausendwende schwirrten längst Abermillionen unsichtbare mp3s durch überforderte 56k-Modems und fielen wie Heuschrecken über die Musikindustrie her. Die neuen Dealer der süchtig machenden Ware hießen Napster, eMule und Gnutella. Weit weg und sauber getrennt von Wand und Telefonbuchsen. Wie all die Titten und Ärsche, die wir parallel dazu gleich ebenfalls runter luden. Das Leben wurde zur Oberfläche und wir mit einem Klick endgültig erwachsen.
Und am 23. Oktober 2001 rief Steve Jobs das unwiderrufliche Ende von ›reinstecken‹ und ›rausziehen‹ aus. ›EJECT‹ war tot. Ein iPod hat nun mal keine Auswurftaste mehr.
Die Formen der neuen Abspielgeräte sind klar und clean wie der Umgang mit ihnen. Jetzt streicheln wir nur noch sanft über ein glattes Retina-Display. Mein iPod-Touch wiegt nur ein Drittel vom alten MiniDisc-Brocken.
Leichter fällt mir die anstehend Entsorgung dadurch nicht. Aber es muss sein. Der Akku ist kaputt. Der Saft ist raus. Der letzte Rest vom Hier und Jetzt sagt endgültig ›GOOD BYE‹.