Und alle so Hä?

Sonntag, 23. September
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Für meinen Toskanatrip wollte ich mir mal wieder ein zeitgenössisches Romanwerk einverleiben. Als Anregung oder um einfach zu sehen, was der literarische Stand der Dinge meiner Generation (bzw. der knapp nach mir kommenden) denn so ist.
Eine Idee, so gut wie schlecht. Denn ich bin äußerst zwiegespalten von Rebecca Martins ›Und alle so Yeah!‹.

Zur Autorin: Die Berlinerin, Anfang Zwanzig, hat vor ein paar Jahren (im Fahrwasser diverser Feuchtgebiete) einen erotischen Jugendroman veröffentlicht. Riesig gehypet. Interview auf SPON. Das ganze Trara. Bei Amazon hat das Werk trotzdem mehr schlechte, als gute Kritiken. Heißt natürlich auch nicht immer was.

Jetzt also Buch Nummer Zwei. Thema: Stark autobiografisch. Protagonistin hat grade ihr erstes Buch veröffentlicht. Einen erotischen Jugendroman. Jetzt ist alles anders. Erstmal. Dann aber doch irgendwie nicht. Eher viel langweiliger. Denn die große Frage nach dem ›Wie, Was, Wann, Wohin‹, die jeden Schulabgänger trifft, haut die Protagonistin scheinbar besonders hart um.

Aber zunächst das Gute: Geschrieben ist der Roman nämlich sensationell. Schöne Worte, schöne Beschreibungen, schöne Beobachtungen. So gut, wie ich leider, trotz den noch vor mir liegenden Anstrengungen, wohl niemals werden werde. Immer wieder überkam mich der ›Oha‹-Effekt. Dieses »Warum fällt mir so was nicht ein?«.

So weit, so hipp. Jetzt drehe wir mal die Kehrseite nach oben und blicken auf das schwarze Dings, das an dem Buch dranklumpt wie Pech am Tölpel: Das Werk ist kacken-scheiße langweilig und trieft vor unbegründetem Selbstmitleid. Die Heldin ist eine verweichlichte Wohlstands-Mumu, die auf 180 Seiten ihre Luxusprobleme durchkaut, wie ein Salafist seine irren Weltansichten.

Natürlich geht es dabei eigentlich um rein gar nichts. Die Fallhöhe des Geschehens ist so flach, wie das Niveau auf RTL 2. Es geht nicht einmal um Liebe – nur um eine zwanglose Ficki-Ficki-Affäre, deren vorgegebene Intensität dem Leser sich zu keiner Zeit emotional erschließt. Überhaupt: Emotionen werden allenfalls erläutert, aber nie spürbar gemacht.

Die Heldin, in diesem Fall muss man bedauerlicherweise eigentlich von Anti-Heldin reden, ist hilflos eingeschlossen in ihrer eigenen Unvollkommenheit das Leben in bessere Bahnen zu lenken. Unfähig mal laut zu werden und mit voller Kehle »Leckt mich am Arsch!« zu schreien.
Ihr ganzer Unmut fusst auf den Aussagen von Freunden, dass der Erfolg ihres ersten Buches sich ohnehin nicht wiederholen ließe. Deswegen hat die Erzählerin nun das Muffensausen und weiß grad gar nicht wohin mit ihrem Leben. Und außerdem. Und überhaupt. Das ist triste Befindlichkeitsliteratur von ganz unten aus dem Supermarktregal. Und zeugt von einer Generation, die schon beim ersten Anzeichen von Problemen Hals über Kopf desertiert.

Sicher. Man kann das auch als großartiges, fast schon erschütternd reales Portrait der Early Twenties sehen, denen alle Türen offen stehen und die deswegen in Schockstarre verfallen. ›Die Welt‹ nannte sie neulich »Die Generation Maybe – verrannt im Entweder-oder«. Auch ich zähle mich dazu. Als einer ihrer Vorreiter. Alles war machbar, ab Mitte der Neunziger, aber irgendwie fehlte der rechte Biss. Zu rebellieren gab es nichts mehr, also kamen wir auf die Idee uns selbst zu verwirklichen. Was aber all zu oft an der medialen Ablenkung scheiterte.

Das Buch kommt da genauso wenig zu Pötte. Die Autorin schreibt in einem fort, das gerade eigentlich gar nichts passiert und alles irgendwie hinten und vorne blöd ist. Es gibt keine Konfrontation in ihrer Geschichte, kein Problem – welches eine Lösung erzwingt, keine Herausforderung. Die Reise der Heldin ist ein Kreisverkehr im kleinen Städtchen ›Selbstmitleid‹. Und das, was wirtlich spannend sein könnte, lässt die Autorin konsequenterweise aus. Nämlich das ganze Bohei um ihr erstes Buch. In Rückblenden beschreibt sie zwar ein wenig Umstand und Stimmung, nur ins Detail geht sie dabei nicht. Eine mögliche Auseinandersetzung mit dem Verlagswesen oder den Medien bei solchen Hypes fällt somit weg. Krasse Anekdoten ebenso. Leider.

Natürlich haben schon viele Autorengenerationen über ihr kafkaeskes Leben geschrieben, aus dem es kein Entrinnen gab. Höchstens nur eine Pause. Nachts und volltrunken. Aber ein Bukowski, und das ist der feine Unterschied zur überbehüteten Ex-Waldorfschülerin mit Prosperitätshintergrund, ging es erstens auch mal wirklich dreckig. Und zweitens hat er nie gejammert. Genörgelt, geschimpft und gezetert, ja. Aber nie sich selbst bemitleidet.

Daher kann Rebecca auch nicht in die heilige Halle derer aufgenommen werden, welche die verhängnisvolle Schwerelosigkeit des Wohlstands schon einmal besser beschrieben haben. Christian Kracht oder Bret Easton Ellis. ›Und alle so Yeah!‹ ist kein ›Unter Null‹. Das erreicht nicht mal ansatzweise den Gefrierpunkt.

Wahrscheinlich wird es trotzdem ein Haufen junger Mädels geben, die dieses Buch irre gut finden. So ehrlich. So berührend. Sich dabei so verstanden fühlen. Aber das tun sie auch bei ›Germanys Next Topmodel‹ oder bei ›Twilight‹. Was heißt das schon?

Ich für meinen Teil bin nur pissig, weil ich gerne so verdammt gut schreiben würde, wie Rebecca. Stilistisch, aber auch ›befindlich‹. Im Sinne der Gedanken unserer Generationen. Doch im Gegenzug weiß ich auch, dass meine Erzählung ›AAAplus‹ (bei der es um ein staatliches Rating von Bürgern, zwecks Kontrolle geht), zwar ziemlich mieser Trivial-Trash, aber dabei irre flüssig ist und ordentlich drive hat. Meine 10-Seiten-Exposition knallt da größere Eier auf den Tisch, als ihr ganzer Heulsusen-Roman.

Ich sollte also am Ball bleiben. Mit dem Schreiben, meine ich. Auf dass früher oder später auch ich mit den allen einstimmen kann: Yeah!!!