Kill the poor

Freitag, 22. Juni
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Gebettet im Schoß der österreichischen Berge atmet Salzburg bedächtig die warme Juniluft ein. Ruhig zieht sich der Lauf der Salzach durch die geschliffene Altstadt. Ein paar Fiakerpferde traben am Dom vorbei. Nur die großen Touristengruppen bringen Busweise Unruhe ins stille Bild. Doch so sehr sie auch durch ihre digitalen Sucher spähen und jedes stuckverzierte Haus dokumentieren – die Essenz von Salzburg entgeht ihnen: Das lustvolle Spiel im Verborgenen. Von Verführung und Macht. Salzburg ist das Paris der Alpen. Nur katholischer.

Die Macht, zumindest auf das Monetäre bezogen, gibt sich dabei noch recht offensichtlich. Ein Blick nach oben genügt. Wem die Geschäftszahlen hold sind, füttert seinen mühsam erworbenen Status mit einem 6-gängigen Menü im ›m32‹ – dem Restaurant des Museum der Moderne. Auf dem Hügelkamm des Mönchsberg. Mit einem sensationellen Blick hinab zu Fluß und Dom. Bei Nacht knistern die Straßenlichter wie ein Kaminfeuer im Turmzimmer.
Als Alternative böte sich noch die Dachterrasse des Hotel Steins an. Ein von außen unscheinbares Bauwerk, dass Innen mit einer grandiosen Mischung aus 50er-Jahre-Design und Art Decó aufwartet. Bedauerlicherweise hat sich besagte Terrasse zu einer Snobisten-Lounge mit arrogantem Türsteher aufgeplustert. Vor kurzem aufgekauft von einem Salzburger Bonzensprößling. Wer nicht dazu gehört, kommt auch nicht rein. ›Kill the poor‹ lautet die Ansage von der Freunden des Wohlstands. Nicht umsonst lief ein Stück unter diesem Titel auf den letztjährigen Festspielen hier.
Salzburg ist also ein Pflaster, das mit Liebe von oben herab schaut. Gerne mal auch auf sich selbst. Letzteres ist durchweg positiv gemeint. Denn da unten, genau zwischen Dom und Universität, verbirgt sich besagte Verführung: Die engen Gassen, die kleinen Hinter- und Zwischenhöfe. Die Kellergewölbe. Und vor allen die unzähligen Durchgänge in den Häusern. Schmale Tunnels, die man entlang gleitet, die man durchdringt. Steinummantelte Intimität. Schicht um Schicht tastet man sich vor.
Alles ist verwinkelt und verwoben, so vielschichtig, so, geheimnisvoll. So, wie es nur fein gesponnene Erotik zu sein vermag.
Wohl dem, der in diesem Spiel die Fäden in der Hand hält.

Genau für diejenigen gibt es nämlich den kleine Laden ›atemlos‹, der in einem dieser verschatteten Hinterhöfe liegt. Eine edle Boutique für explizite Stunden zu zweit. Mit Seide und Spitze. Handschellen und Reitgerte. Und einem lilafarbenen Lineal mit goldener Quaste. ›le petit leçon‹.
Und als Belohnung packt man dann die echten Mozartkugeln – oder fast noch besser: Bachwürfel – der Confiserie Fürst aus ihrem silbrigen Staniolpapier. Die kaufen auch die Touristen in Massen. Nur ohne zu ahnen, welche lustvollen Verführungen mit ihnen verbunden sein können.