Welcher Weg?

Freitag, 9. März
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Jeder Moment deines Lebens ist eine Entscheidung. Für etwas oder gegen etwas. Nicht nur was du machst – vor allem wie du es machst. Handeln, Reden, Gedanken. Alles eine Entscheidung, für den Weg, den du einschlägst. Oder längst unbewusst eingeschlagen bist. Links rum. Rechts rum. Schnurgerade nach vorne. Auf der Stelle geblieben. Dreimal im Kreis gelaufen.
Du kannst dich zu zehn weiteren Liegestützen zwingen. Du kannst noch ein wenig länger die ausgetretenen Schuhe tragen. Du kannst gehen oder du kannst bleiben.
Bist du der, der Sonntags immer früh raus muss? Oder der, der nach jeder Party der aufgehenden Sonne gute Nacht sagt?
Wenn du ganze Wochen faul in die Federkernmatratze drückst, macht das aus dir halt keinen Gipfelstürmer. Ist so.

Und deswegen stehst du jetzt da. Am Fuße dieses wunderschönen Viertausenders. Legst denn Kopf in den Nacken und schaust sehnsuchtsvoll den Berghang nach oben. Schnee glitzert auf der Spitze, wie feine Schweißperlen nach süßem Lakengerangel. Vom Westen her schlägt die Abendsonne eine goldene Kante aus dem Fels. Und in dem Moment wird dir gewahr, dass du beim Versuch den Brocken zu erklimmen mit absoluter Sicherheit schon nach zwanzig Höhenmetern mit Seitenstechen im Graben liegen wirst. Gefickt von einem 22 Milliarden Tonnen schweren Stein.

Weil du immer mit der Straßenbahn zur Uni gefahren bist und nicht das Bike genommen hast, wie die ganzen sportlichen Kommilitonen in ihren lässigen Bermudas. Weil du deine Kohle konsequent auf den Pokertisch gestapelt hast. Anstelle des Bausparkontos. Oder mal vorsorglich investiert in ein paar astreine Wanderstiefel.
Deswegen stehst du jetzt da – ohne Rüstzeug und Kompass und dieses bunten Nylonseilen mit chromglänzenden Karabinern. Und beneidest den Typ, der frech vom Gipfelkreuz hinab winkt.

Aber noch ist nichts verloren. Mittellos heißt ja nicht unbedingt chancenlos. Du willst da auch hoch. Auf jeden Fall. Mit dem Heli dich hochschrauben lassen, für den großen Auftritt samt Top-Gun-Sonnenbrille, ist ein geiler Plan, aber du bist nicht Tom Cruise. Du bist nicht mal der Typ, der Tom Cruise für die Foto-Touristen am Walk of Fame immitiert. Du bist scheiße noch mal du selbst – dem viel zu spät klar wird, dass jeder vergangene Moment seines Lebens eine verdammte Entscheidung war. Für etwas oder gegen etwas.
Jetzt bleibt dir nur noch dein Improvisationstalent. Frei aus dem panikverkrampften Bauch heraus. ›Geronimoooo‹ brüllend schlägst du die Notfallscheibe ein und schnappst dir die sprichwörtliche Axt, um dir deinen Weg freizukämpfen. Und genau die hältst du dem Trachtenbauern im Tal drohend unter die Schnupftabaknase. Wehe mein lieber, wenn du mir für mein letztes Hemd am Leibe nicht deine treue Eseldame überlässt. Wehe dir. Das machst du dem Landwirt klar. Unmissverständlich. Du bist schließlich der, der nichts mehr zu verlieren hat.

Der Bauer hat ein Einsehen, holt die gute Paula aus dem Stall und nimmt dein 24-Euro-H&M-Hemd entgegen. Und dann schwingst du dich mit nacktem Oberkörper auf das Maultier und gibst fleißig Sporen. Viel Zeit bleibt nicht. Es droht die finstere Nacht einzubrechen. Also immer weiter. Quer durchs Gehölz. Keine Angst. Sich einfach nur auf das eigene Gefühl verlassen. Und auf den Instinkt des Tieres. Herabhängende Äste hackst du kurzerhand mit dem roten Feuerwehrbeil ab.
Der Muli keucht, wie er über die Mittelstation sprintet. Aber groß verschnaufen ist nicht. Ein bisschen Quellwasser im vorbeigaloppieren und ein zwei, drei Disteln vom Wiesensaum. Die Sonne senkt sich unbarmherzig gen Abendland. Stück um Stück.

Und dann, wenn der feuerrote Ball schon bis zur Hüfte im Horizont versunken ist. Dann nimmst du die letzte Steigung und stehst umspühlt vom Höhenwind auf der Spitze von Viertausend Metern.

Geschafft! Den Berg besiegt.

Deine Hand schlägt stolz das Gipfelkreuz ab – und deine Faust landet krachend im Gesicht des debilen Winke-Typen. Paulas Hinterhufe geben ihm den Rest. Die Schlucht, die er hinabfällt ist zu tief, um den Aufprall zu hören. So war es vorbestimmt. Von Anfang an.

Episch gleitet dein Blick über das Zentralmassiv. Die Gipfel brennen, wie die Leidenschaft in deinen Adern, die du ab diesem Tag immerdar fühlen wirst.

Ein einzelner Moment wird kaum dein Leben verändern. Aber alle zusammen in einen Sack gestopft, sind entweder lähmende Last oder lassen dich wie Montgolfier seiner Zeit empor steigen.
Du atmest tief die eisklare Luft der oberen Troposphäre ein und weißt längst: Jeder Moment eine Entscheidung und jede Entscheidung ein Statement. Oder etwas, das eines werden kann – wenn du es nur zulässt.