Die Farbe des Gespenstes, Oder: Where the magic happens and the lions live

Dienstag, 27. März
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Der Regionalzug 553 windet sich durch die frühmorgendliche Landschaft und schiebt mit stählernem Gähnen die kleine Hügelkette auseinander, um den Blick auf schneebedeckte Bergkuppen freizugeben. Erst da, den Semmering verschlafenen vor mir, wird mir gewahr, dass ich mich außerhalb von Wien befinde. Zum ersten mal seit drei Jahren Österreich. Um Neues zu entdecken: Neue Ecken. Und Orte. Und Gedanken.

Der Endstationsbahnhof heißt Graz, Hauptstadt der Steiermark. Doch Graz ist nicht nur Regierungsstadt, sondern auch – laut UNESCO und jedem dritten Schaufenster zufolge – die ›City of Design‹. Ein Label, mit dem der Tourismusverband bares Geld in die Gassen rund um das Flüsschen Mur schüttet. Erzählt mir zumindest Stefan, ein Fotograf, in dessen beeindruckendes Kreativ-Gemeinschafts-Büro ich einfach neugierig reinspaziert bin – keine fünfzehn Minuten nach meiner Ankunft. Als Gastgeschenk bekomme ich einen schniecken Siebdruck gereicht. Das Gemeinschaftsmotto: ›Where the magic happens and the lions live‹. Limitiert und handsigniert.
Draussen, vor der Tür, im Hipsterviertel namens Lend, sitzen die Zeugen Jehovas auf einer Bank und halten den Wachturm in die warme Märzsonne.
Überhaupt: Graz ist wesentlich entschleunigter als Wien. Wobei die Donaustadt ja auch nicht gerade zu den High-Speed-Metropolen des Globus zählt. Noch langsamer und man bleibt stehen.
Und eben das tue ich auch bei jeder Gelegenheit. Um festzustellen, dass die Sache mit dem Design absolut berechtigt ist. Zumindest scheint Graz, als hätten sich seit 3 Jahrzehnten alle österreichischen Architekturstudenten hier versuchen dürfen. Ein wildes Kunterbunt von Farben und Formen und Flächen. Und Satzskulpturen.
Flüstert mir doch die Wand des Landtags unvermittelt die Wörter ›Farbe des Gespenstes, 233‹ zu. In einer streichholzgroßen Serifenschrift. Lyrik und Ligaturen gehen immer, denke ich mir und bin nicht nur hin und weg, sondern auch immens neugierig, was mir das sandfarbene Gemäuer damit sagen möchte. Mein erster Gedanke ist natürlich, dass die Zahl einen PANTONE-Farbwert darstellt. Mit dem zweiten verwische ich das wieder und frage lieber gleich die blonde Dame im Tourismusbüro. Die ist aber ebenso ratlos wie die Informations-Allmacht Google. Keinen Schimmer wo man schaut. Zu dritt stehen wir also blöd da und Google lässt unmotiviert Werbung aufblinken. Alleine bin ich da wohl besser dran und ziehe meinen Weg über Grieskai, Herrengasse und Jakoministraße unverdrossen weiter.
Mittendrin, in der Annenstraße, wedelt der im dunkelgrünen Cord gekleidete Besitzer des Orient-Textil-Shops emsig seine 2,50 Euro Ware sauber. Untergebracht ist sein Geschäft in einem 60er-Jahre-Bau und die asiatischen Lettern über der Tür wurden einst – zehn Jahren ist das her – mit einem Pinsel aufgetragen. So lange gibt es nämlich den Laden schon in Graz. Herr Wang, der Name ist erfunden, erzählt mir, dass er schon seit zwanzig Jahren hier wohnt. Was er die zehn Jahre vor seinem Textil-Shop gemacht hat, vergesse ich leider zu fragen.
Knapp zwanzig Jahre ist übrigens auch Pulp Fiction alt. Und an Tarantino hat mich dieser handmade Asia-Vintage-Mix vom ersten Wedeln an erinnert.
In irgendeiner Art fündig werde ich in dem Ramschladen freilich nicht. Im gegenüberliegenden Esoterikschuppen mit dem klangvollen Namen ›Flügerverleih‹ ebenso wenig. Dafür im Prato im Palais, bzw. an dessen Wand. Das stilvolle Kaffeehaus-Logo lockt mich in den Innenhof und da erblicke ich doch tatsächlich eine weitere Inschrift: ›Farbe von Silber, Nickel, Chrom oder eines Kratzers in diesen Metallen, 258‹. Das Café Prato samt dazugehöriger Wand ist Teil des Museums im Palais. Und somit komme ich meiner typografischen Sinnsuche doch schon deutlich näher.
Richtig umfassend kann mich die Dame an der Museumskassa aber auch nicht aufklären. Die hat noch nicht einmal besagten Schriftzug bemerkt. Mit etwas Mühe schält sich aber eine amerikanische Künstlerin, Wittgenstein und zwei weitere Lokalitäten als Information heraus.
Eine der Orte mit Schrift ist das Kunsthaus, eines der zwei Wahrzeichen von Graz. Als hätte sich ein bautypischer 2000er-Glaskasten mit einem graublauem Schleimbazillus infiziert. Auf halbem Weg zu den Toiletten lese ich dort, dass der ›Farbweg, direkt von Blau zu Gelb, 41‹ führt. Interessant. Aber weder im CMYK-, noch im RGB-Farbraum korrekt. Wittgenstein schrieb seinen Aufsatz ›Bemerkungen über die Farben‹ nun mal in der Zeit von Schwarz-Weiß-Fernsehen. Deshalb wohl.
Mein letzter Schriftweg bringt mich zum Schlossberg und dem Volkskundemuseum hoch. Doch was ich da lese lässt mich unbeeindruckt und ist keine zwei Schritte später schon vergessen. Die lyrischen Gespenster sind verflogen, die Grazer Tumruhr schlägt zur Abendstunde. Gegessen habe ich leider schon, sonst hätte ich mir ein Frenchbart, ein Galettes mit Brie, Birne und Preiselbeer in der zauberhaften Crêperie ›Le Schnurrbart‹ gegönnt. Nächstes Mal.
Oben am Schloss und der schlagenden Turmuhr, dem zweiten Wahrzeichen der Stadt, angekommen, blicke ich auf die Dächer unter mir.
Graz, also. Die zweitgrößte Gemeinde Österreichs. Und somit auch Ballungszentrum unterschiedlichster Kulturen und sozialen Schichten. Graz scheint beides zu haben: Den Altstadtcharme einer Kleinstadt und die Wucht der Plattenbauten, die sich einmal rundum gegen die Innenstadtgassen drücken.
An den Schlosspark in luftiger Höhe könnte ich mich gewöhnen. Würde ich hier wohnen, mein Weg führte jeden Abend hier hoch. Für die Jugendlichen hier tut er das im Zweifel auch. Besonders im Sommer. Aber schon jetzt rennen sie zahlreich in Shirt und Hotpants rum – während mich vier Lagen Stoff wärmen müssen. Die Hitze der Jugend halt. Einer, mit Jogginghose, weißgerahmter Sonnenbrille und Kopfhörern rappt den blutroten Abendhimmel an. ›Hate nicht beschissner Bengel, wenn es regnet pissen Engel‹.
Irgendwo am Rande des Plattenbaugürtels steigt Rauch auf und Sirenen heulen die Mur entlang.
Dann kommt wirklich eine Regenfront von Osten rüber. Meinen Siebdruck sicher unter der Jacke verstaut eile ich den Berg hinab und Richtung Bahnhof. Denn da wo die Löwen wohnen, schadet Engelsurin dem Frühlingsgefühl. So viel habe ich in der ›City of Design‹ gelernt.