wien steht still

Freitag, 3. Februar
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Schnee liegt keiner. Alle Fenster sind frei von Eisblumen, die Windschutzscheiben nicht einmal mit Raureif bedeckt. Die grelle Sonne klafft als weiße Wunde vom Himmel. Es gibt keine sichtbaren Beweise, bis auf den Atem vor unseren Augen.
Wir hören unsere Körper schreien über jede Sekunde, die wir draussen verbringen. Aber sehen, sehen können wir nichts. Denn die beißende Kälte dieser Tage ist ein Schatten hinter unserem Rücken. Geworfen vom eisigen Licht, das wie eine Verhörlampe in unseren Augen brennt.
Wo warst du, als alle Welt dachte, der Winter hält für dieses Jahr die Füße still? Denn jetzt, so spüren wir, trampelt er mit voller Wucht einem im Gesicht herum.

Es ist der Tod, der dieser Tage durch die Gassen zieht. Der seine Kraft aus der Körperwärme der Lebenden zieht. Er ist auf Raubzug aus.

Kaum geht man auf der Straße spürt man seine Finger im Schraubstock des Februars eingespannt. Das Gesicht ist wie durch Botox gelähmt. Wir bewegen uns schwerfällig. Schritt für Schritt – mit Schultern bis zu den rotgefrorenen Ohrmuscheln hochgezogen. Die Erde dreht sich in den Wintermonaten langsamer. Wir Menschen passen sich dem nur an.

Die erbarmungslose Kälte schluckt allen Tatendrang, Enthusiasmus und Bewegung. Wien steht still. Hier passiert gerade gar nichts.
»Der Rubikon ist überschritten!«, möchte man in den eisigen Gegenwind rufen. Doch die Gesichtsmuskeln sind von -15° Celsius immer noch völlig narkotisiert.