innenleben

Freitag, 20. Januar
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In den 80ern gab es ein herrliches Jugendbuch: „Das Intimleben des Adrian Mole, 13 3/4 Jahre“. Geschrieben als fiktives Tagebuch. Auf der Insel längst ein Klassiker. Heute schreibt man kein Tagebuch mehr, sondern postet sein Intimleben in regelmäßigen Abständen auf Facebook. Trotz allen oberflächlichen Belanglosigkeiten wahren die meisten User dabei eine gewisse Grenze. Zumindest im Umfeld, in dem ich mich bewege. Aber dann kommt ein Bekannter daher, dessen mediale Offenheit im krassen Gegensatz zu seiner sozialen Verschlossenheit im realen Leben steht. Ein psychotischer Auswuchs eines Adrian Mole. Und damit wird es beängstigend interessant.

Besagter Bekannter – ein etwas skurriler Zeitgenosse, dem ich, wäre mein Arschlochfaktor ausgeprägter, gar keine Beachtung schenken würde – etabliert schon in seinem Facebook-Nick einen kafkaesken Verliererstatus. Und dann geht es 6 Monate und 35.000 Wörter um Ängste, Blockaden, Frauen, sexuelles Verlangen, Singlebörsen, männliche Jungfräulichkeit, eine Menge Musik und The Big Bang Theory. Als reiner Monolog. Ohne Kommentare oder dergleichen. Wenn er in den vermeintlichen Dialog tritt, dann immer mit einer ganz bestimmten Dame, die er auch namentlich anspricht. Seiner ominösen großen Liebe. Antworten tut sie freilich nie. Daher kommt man beim besten Willen nicht drumherum der ganzen Schreibe eine latente Schizophrenie zu attestieren. Aber womöglich trifft das auf 68 % aller Statusmeldungen zu. Jedenfalls ist sein komplettes Gefühlschaos offen für jedermann einsehbar. Facebook-Freunde sind wir keine.

Meine Urteil darüber ist pure Faszination. Diese Geisterbahnfahrt durch ein emotionales Innenleben voller Widersprüche ist Spannungslektüre vom Feinsten. All das voyeuristische Stöbern in den Kellern und Kerkern eines fremden Gefühlslebens. Verzerrte Fratzen aus Alltagsbegegnungen. Krüppel hilfloser Seelen. Kein fiktives Tagebuch vermag das. Auch nicht das eines Adrian Mole, 13 3/4 Jahre alt. Aber das ist lustiger.

Denn der Spaß hört spätestens dann auf, wenn man dem Menschen das nächste mal wieder begegnet. Wie soll man sich da verhalten? Noch unlustiger, wenn eine Stelle des digitalen Therapie-Tagebuchs gar von mir handelt.

Letztlich könnte das aber ein perfektes Buchprojekt werden. Ein typografisches Experimentalwerk. Womit sich auch der Kreis zum britischen Bestseller schließt. Ich denke darüber nach. Und bis dahin poste ich hier nur noch Bilder von Blumen oder schreibe über das Wetter.