no christmas carol 1

Donnerstag, 22. Dezember
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Aus meiner Holzbude, aus der ich am Christkindlmarkt Touristen-Schnickschnack verhökere, habe ich freilich beste Aussicht auf meine Kundschaft und alle, die sich sonst noch über den Rathausplatz tummeln. Neben ein paar grantigen Wiener sind das gerne auch osteuropäische Blumenmädchen im Teenageralter, die aus reiner Menschenliebe heraus Rosen unters Volk werfen. In den 80ern hätte man sie plump als „streunendes Zigeunerpack“ tituliert, aber heute sind das ja alle Sinti und Roma mit politisch brisanten Hintergrund – kriegsversehrt, verfolgt und überhaupt allgemein benachteiligt. Egal. Da die Blütenfeen mit Migrationshintergrund ihre Philanthropie mit hartem Kleingeld belohnt wissen wollen, werde ich gelegentlich Zeuge einer urmenschlichen Schwäche: der Bringschuld.

Besonders vormittags, wenn viele Halbwüchsige die letzten Schulstunden schwänzen und ihr schmales Taschengeld in gebrannte Mandeln und Kinderpunsch investieren wollen. Junge Menschen, die noch nicht gefestigt genug sind, um den miesen Tricks der Rosenmafia entgegen zu wirken. Die kapitalistischen Blumenkinder zumindest haben ihre Masche intus, wie der Weihnachtsmann seinen Bratapfelschnaps. Freundlich lächelnd kommen sie ihren Opfern entgegen und drängen diesen eine Rose auf, als wäre plötzlich die universelle Liebe in unser aller Herzen explodiert. Scheiß auf Zocker-Spekulanten, Anthrax-Terroristen und abschreibende Ex-Verteidigungsminister. Wir fassen uns alle an den Händen und tanzen um den leuchtenden Tannenbaum. Die Welt ist eine riesige Spielwarenabteilung mit extraflauschigen Kuscheltieren als gratis Give-away.

Aber von wegen: Kaum hat das Opfer eine Freudenträne rausgedrückt ob dem zimtsüßen Utopia mitten in Wien, schon verlangt das 12-jährige Rosengör eine Spende für ihre Großzügigkeit. Und das tut sie mit Nachdruck!

So passiert auch bei einem Akne-geplagten Jüngling mit seiner knapp erreichter Volljährigkeit. Samt der Fotoknipse vor der Brust stapfte er versonnen durch Weihnachtszauber und Zuckerwatteduft und genau in die Arme eines der Camorra-Girlies. Der Burschi machte leider nicht den Eindruck, als würde er souverän jede Herausforderung meistern und hätte auch sonst nur die dollsten Lettinnen vor seiner Kameralinse räkeln – halbnackt und mit provokant gespreizten Schenkeln. Kaum hatte er also die dornenbestückte Zierpflanze angenommen, gab es kein Entrinnen mehr für ihn. Nach kurzem Zögern reichte er seufzend ein 50-Cent-Stück rüber. Doch das war der Lady nicht genug. Mit einer Mischung aus Rotzigkeit und Penetranz belagerte sie den armen Tropf so lange, bis der verzweifelt noch ein paar Münzen nachrückte und letztlich den dreifachen Einkaufwert der Rose berappte. So funktioniert das mit der Bringschuld. Natürlich hätte jeder smarte Zeitgenosse mit Gespür für schwierige Situationen das einzig Richtige getan: Diesem elendigen Rotzbalg ihr halbwelkes Gemüse um die Ohren geschlagen, bis die Pestizide das Hirn der Göre vernebelt hätten wie sonst immer beim Klebstoffschnüffeln. Aber leider sitzt man als mittelprächtig standfester Mensch ruck-zuck in der Tinte und meint in seiner moralischen Einfalt Gefahr zu laufen seinen Gegenüber zu brüskieren. Denn jetzt, wo man etwas bekommen hat, muss auch eine Gegenleistung stattfinden. Oder im schlimmsten Fall denkt man gar, man tut was Gutes. Damit lässt sich natürlich auch prima sein Gewissen beruhigen und die eigene Feigheit bescheißen.

Vielleicht erzählt der schüchterne Tölpel jetzt stolz daheim, dass ihn ein ganz ein fesches und selbstbewusstes Mädel angebraten und mit Rosen beschenkt hat. Nur leider hätte er vergessen sich die Handynummer geben zu lassen. Nächstes Mal halt.

Apropos nächstes Mal: Im Advent 2012 werde ich mal über die Weihnachtsmärkte ziehen. Entweder mit genmanipulierten Killerblattläusen oder mit einem eigenen Rosenstrauß. „Eine Geschenk gegen Spende. Bitte. Danke. Hallo.“