Gestern vom Dezember, 2011

Samstag, Dezember 24th, 2011
no christmas carol 2

Die Nacht lehnte an jeder Ecke der Stadt und versuchte listig uns zu einem Spielchen zu bewegen. Der Einsatz schien niedrig, ein möglicher Verlust hinnehmbar. Dennoch – ich ließ mich zunächst von den Hütchenspieler-Tricks nicht beeindrucken und die vier Mädels alleine in einen dunklen Keller-Club abdriften. Die vier Kolleginnen, die von der offiziellen Weihnachtsfeier des Riesenrad-Fotoshops noch übrig geblieben waren. Alle anderen hatten der Nacht mit ihren Verlockungen längst den Rücken gekehrt und waren ins Bett enteilt. Wir fünf aber zogen noch weiter. Zum besagten Club, dessen Eintritt ich verweigerte. Da eine der vier Damen zwar der Trumpf meines goldenen Herbstes, nun aber keine Karte mehr im Blatt auf meiner Hand war. Den Stich würde diese Nacht ein anderer holen. Ich blieb also außen vor. Was sollte ich spielen, wo es nichts zu gewinnen gab.

Doch der Hunger nach Glück und Sieg klebte mir weiter am Gaumen. So waren die zwei fremden Burschen, die ebenfalls mit ungestillter Lust aus eben diesem Club getorkelt kamen, mein willkommener Einsatz. Die Kugel rollte wieder.

Und auf dem breiten Pflaster des Grabens hatten die Christbaumverkäufer ihre Ware frisch aufgebaut:

Ich ging mit. Wohin auch immer den Weg uns bringen würde. Setzte kleine Beträge und überließ den hohen Einsatz den beiden Burschen. Einer erklomm im Feuer der Nacht eine Tanne. Zerrte und drängte bis der Stamm brach. Seine Siegerrunde führte ihn mitsamt nadelnder Trophäe an den Schaufenstern der Luxusboutiquen vorbei. Bis die Polizei mit Blaulicht angefahren kam. Und wir aufdecken mussten. Ich war fein raus. Kannte weder die Jungs näher noch hatte ich juristisch gesehen irgendeinen Fehltritt begangen. Das Corpus Delicti wäre ohnehin keines Maßes wirklich wert. Dennoch: Die Polizei hatte nun erstmals meine Personalien aufgenommen. Und wer weiß, wann dann nächste Spiel lockt.

Donnerstag, Dezember 22nd, 2011
no christmas carol 1

Aus meiner Holzbude, aus der ich am Christkindlmarkt Touristen-Schnickschnack verhökere, habe ich freilich beste Aussicht auf meine Kundschaft und alle, die sich sonst noch über den Rathausplatz tummeln. Neben ein paar grantigen Wiener sind das gerne auch osteuropäische Blumenmädchen im Teenageralter, die aus reiner Menschenliebe heraus Rosen unters Volk werfen. In den 80ern hätte man sie plump als “streunendes Zigeunerpack” tituliert, aber heute sind das ja alle Sinti und Roma mit politisch brisanten Hintergrund – kriegsversehrt, verfolgt und überhaupt allgemein benachteiligt. Egal. Da die Blütenfeen mit Migrationshintergrund ihre Philanthropie mit hartem Kleingeld belohnt wissen wollen, werde ich gelegentlich Zeuge einer urmenschlichen Schwäche: der Bringschuld.

Besonders vormittags, wenn viele Halbwüchsige die letzten Schulstunden schwänzen und ihr schmales Taschengeld in gebrannte Mandeln und Kinderpunsch investieren wollen. Junge Menschen, die noch nicht gefestigt genug sind, um den miesen Tricks der Rosenmafia entgegen zu wirken. Die kapitalistischen Blumenkinder zumindest haben ihre Masche intus, wie der Weihnachtsmann seinen Bratapfelschnaps. Freundlich lächelnd kommen sie ihren Opfern entgegen und drängen diesen eine Rose auf, als wäre plötzlich die universelle Liebe in unser aller Herzen explodiert. Scheiß auf Zocker-Spekulanten, Anthrax-Terroristen und abschreibende Ex-Verteidigungsminister. Wir fassen uns alle an den Händen und tanzen um den leuchtenden Tannenbaum. Die Welt ist eine riesige Spielwarenabteilung mit extraflauschigen Kuscheltieren als gratis Give-away.

Aber von wegen: Kaum hat das Opfer eine Freudenträne rausgedrückt ob dem zimtsüßen Utopia mitten in Wien, schon verlangt das 12-jährige Rosengör eine Spende für ihre Großzügigkeit. Und das tut sie mit Nachdruck!

So passiert auch bei einem Akne-geplagten Jüngling mit seiner knapp erreichter Volljährigkeit. Samt der Fotoknipse vor der Brust stapfte er versonnen durch Weihnachtszauber und Zuckerwatteduft und genau in die Arme eines der Camorra-Girlies. Der Burschi machte leider nicht den Eindruck, als würde er souverän jede Herausforderung meistern und hätte auch sonst nur die dollsten Lettinnen vor seiner Kameralinse räkeln – halbnackt und mit provokant gespreizten Schenkeln. Kaum hatte er also die dornenbestückte Zierpflanze angenommen, gab es kein Entrinnen mehr für ihn. Nach kurzem Zögern reichte er seufzend ein 50-Cent-Stück rüber. Doch das war der Lady nicht genug. Mit einer Mischung aus Rotzigkeit und Penetranz belagerte sie den armen Tropf so lange, bis der verzweifelt noch ein paar Münzen nachrückte und letztlich den dreifachen Einkaufwert der Rose berappte. So funktioniert das mit der Bringschuld. Natürlich hätte jeder smarte Zeitgenosse mit Gespür für schwierige Situationen das einzig Richtige getan: Diesem elendigen Rotzbalg ihr halbwelkes Gemüse um die Ohren geschlagen, bis die Pestizide das Hirn der Göre vernebelt hätten wie sonst immer beim Klebstoffschnüffeln. Aber leider sitzt man als mittelprächtig standfester Mensch ruck-zuck in der Tinte und meint in seiner moralischen Einfalt Gefahr zu laufen seinen Gegenüber zu brüskieren. Denn jetzt, wo man etwas bekommen hat, muss auch eine Gegenleistung stattfinden. Oder im schlimmsten Fall denkt man gar, man tut was Gutes. Damit lässt sich natürlich auch prima sein Gewissen beruhigen und die eigene Feigheit bescheißen.

Vielleicht erzählt der schüchterne Tölpel jetzt stolz daheim, dass ihn ein ganz ein fesches und selbstbewusstes Mädel angebraten und mit Rosen beschenkt hat. Nur leider hätte er vergessen sich die Handynummer geben zu lassen. Nächstes Mal halt.

Apropos nächstes Mal: Im Advent 2012 werde ich mal über die Weihnachtsmärkte ziehen. Entweder mit genmanipulierten Killerblattläusen oder mit einem eigenen Rosenstrauß. “Eine Geschenk gegen Spende. Bitte. Danke. Hallo.”

 

Sonntag, Dezember 18th, 2011
affen mögen bier

Am vorigen Mittwoch, zur Monkeyparty, versammelten sich die Impro-Primaten, um sich ein letztes Mal im Jahr gegenseitig das Fell zu kraulen. Im wahrsten Wortsinne und mit einem dieser Kopfmassagegeräte, die aussehen wie ein Schneebesen. Die ganze Affenbande ließ Bier und Bananencocktails kreisen und brüllte vor Spaß. Und auf dem frühmorgendlichen Fußmarsch zurück in den eigenen Dschungel, lief einem ein Rudel vorweihnachtlich-sentimentaler Fragen nach: Wen mag ich, wie viel? Mag ich andere mehr als nur mögen? Ist das Mögen der anderen auch nur ein simples Mögen? Ist auf die Bemerkung “Ich mag dich wirklich sehr gerne” ein freundliches “Danke” nicht eigentlich die beste Antwort? Zumindest besser als ein pflichtschuldiges “Ich mag dich auch sehr“?

Und verdammt noch mal: Welcher Disney-Film ist der Bessere. Dschungelbuch oder König der Löwen?

Dienstag, Dezember 13th, 2011
auf die schnelle

Um mal einen Eindruck zu bekommen, wo ich mich immer am letzten Montag im Monat herumtreibe, hat die liebe Meggi mal einen STUTHE-Quickie Trailer zusammengeschnitten. Also, für alle, die mich mal Live sehen wollen oder gerne selber 10 Minuten auf einer Open-Stage-Bühne künstlerische Kostbarkeiten zum Besten geben wollen: NachBar, Laudongasse 8, 8. Bezirk, Wien. Immer am letzen Montag im Monat (Ausnahmen bestätigen die Regel).

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Donnerstag, Dezember 8th, 2011
Wenn mein Fenster ein Touchscreen wäre

Wenn mein Fenster ein Touchscreen wäre.

Dann müsste ich nur kurz mit dem Finger nach rechts wischen und die Rollläden wären oben.

Wenn mein Fenster ein Touchscreen wäre, dann hätte ich als Hintergrundbild auch mal einen Sandstrand oder ein Blick aufs Empire State Building.

Dann könnte ich einfach die Zeitzonen ändern und es wäre – wann ich will – morgens oder abends oder Zeit für die lang ersehnte Verabredung. Und mit einem Klick hätte ich die Wetterprognose von Dubai in meiner Straße.

Wenn mein Fenster ein Touchscreen wäre, könnte ich bei Regen mit meinem Finger die Regentropfen hin und her verschieben, der Länge nach ordnen oder von unten nach oben rinnen lassen.

Wenn mein Fenster ein Touchscreen wäre, dann wären die gegenüberliegenden Fenster alle Apps, die ich öffnen könnte und schauen, was sich dahinter verbirgt. Endlich mal sehen, wer da so wohnt und wie da so gewohnt wird. Im Umkehrschluss könnte ich mir im AppStore neue Apps kaufen – und somit auch neue Nachbarn. Vielleicht solche, die sich nur bei offenen Gardinen umziehen oder mit wilder Gestik ständig über Nichtigkeiten streiten. Keine schlechte Investition für 1.79€, oder?

Wenn mein Fenster ein Touchscreen wäre, müsste ich nur zwei Einstellungen ändern und hätte einen total geilen Vintage-Look. Totale Schlaghose. Auf dem Bürgersteig würden Jungs mit nem Bonanza-Rad rumfahren und Privatfernsehen gäb’ es auch noch keines. (Tja, Frauentausch hieß in den 70ern noch was anderes).

Wenn mein Fenster ein Touchscreen wäre, dann könnte ich mit den Tauben auf dem Dachfirst ANGRY BIRDS spielen.

Wenn mein Fenster ein Touchscreen wäre, dann könnte ich diesem nervigen Autoalarm, der versehentlich angegangen ist, einen lustigen Klingelton verpassen.

In the jungle, the mighty jungle, the lion sleeps tonight.

Das würde mich zwar auch bald nerven, aber immerhin käme endlich mal mein Jamba-Spar-Abo wieder zum Einsatz. (Liegt ungenutzt seit 2004 herum).

Wenn mein Fenster ein Touchscreen wäre, müsste ich nur mit den Fingerspitzen gegen die Scheibe tippen und könnte so den Passanten auf der Straße Nachrichten schreiben. Der Runzeloma mit Rehpinscher beispielsweise, dass sie endlich mal ans Sackerl fürs Kackerl denken soll. Oder die unbekannte Schöne in Rock und Stiefeln fragen, weshalb sie immer so verträumt durch ihr Leben geht. Da wir es doch sind, die wegen ihr ins Träumen geraten.

Aber das Beste wäre, sollte mein Fenster ein Touchscreen sein, ich könnte dann allen mürrischen Menschen auf der Straße einen Smiley ins Gesicht zaubern.

Und dafür würde sich auch lohnen, dass ich mein Fenster alle drei Tage ans Stromnetz zum Akku aufladen hängen müsste.

Donnerstag, Dezember 1st, 2011
U wie Vergangenheit

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Die letzten Diplomarbeiten der Kommilitonen stehen an. Noch einmal also zurück nach Dortmund. Für 30 Stunden. Um sich dem Flow einer einzelnen Arbeit und rückblickend eines gemeinsamen Lebensabschnitts hinzugeben.