fingerzeig

Donnerstag, 29. September
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In den letzten lauen Nächten des Sommers fordern wir noch einmal alles von der Stadt: Die schwere Süße in der Luft. Den warmen Kuss auf unserer Haut. Die Lichter. Musik. Wir laufen zu zweit, Arm in Arm. Ernten die Sehnsucht, die uns über den langen Winter hinweg nährt. Wir klettern auf die rauen Mauern und ringen mit steinernen Götzen. Seit Jahrhunderten verwitterten die geistigen Vordenker auf ihrem Platz – von uns verhöhnt, durch das Blut in unseren Adern. Sie kontern mit ihren großen Namen, die tief in den Büchern verankert und deren Werke Lehrplan und Touristenattraktionen gleichermaßen sind.

Wir ziehen uns an ihren gemeißelten Gewändern hoch, greifen ihre starren Gliedmaßen, um mit den übergroßen Meistern endlich auf Augenhöhe zu sein. Ich stütze dich von unten. Unser Übermut bricht einen Finger ab. Grau und porös. Wir heben ihn auf und rennen einfach damit weg. Um halb vier Uhr morgens. Eine demütige Opfergeste der Stadt, die wir Nacht für Nacht mehr erobern.

Gegenseitig setzen wir die kalkige Fingerspitze auf unsere Lippen und gebieten zu Schweigen: Von Ewigkeit und Alter. Und Abschied. Mit dem Herzen im Jetzt und dem Schweiß von Musik an unseren Körpern genießen wir die wenigen Stunden, bis die Herbstsonne aufgeht.

Dir ist nicht einmal kalt in deinen kurzen Hosen.