eplilog: sommer zwanzig-elf

Ich saß im beengenden Sitz der kleinen Boing, Gangplatz, und fühlte mich so, als würde mein Flug direkt in zwei emotionale Twin Tower rasen. Zwar war ich im Gegensatz zu den Passagieren des 11. September vorgewarnt, gebracht hatte es mir aber nichts. Schließlich schienen die Umstände meiner Reise einer Verschwörung gleich zu kommen. Die Verschwörung eines sehr wechselwütigen Sommers.

Ein ewiges Hin und Her: Mal lag einem die Sonne in den Armen, mal erschlug einen ein Sturzbach aus heiterem Himmel, den man keine Sekunde vorhergesehen hatte. Losgeflogen war ich bei sonnenklaren 32 Grad. Beim Anflug auf Hamburg bohrte sich unsere Maschine mal wieder in eine dunkle Wolkendecke. Seufzend startete ich die Playliste „Donaukönig“ und überlegte, wer von meinen Mitreisenden wohl freiwillig flöge. Oder wer viel lieber daheim geblieben wäre. Eine kurze aufkommende Turbulenz blieb harmlos, die Stewardess aber auf Grund dessen mir meinen Früchte-Tee schuldig. Dann landeten wir. Hanseatische 16 Grad, regnerisch. Die Schwimmwesten befinden sich unter Ihren Sitzen.

Die abklingende Wärme spürte man mit jedem Herzschlag. Stattdessen kroch Kälte in jede Pore, durchzog alle Gedanken und dehnte den Raum zwischen uns Zentimeter um Zentimeter aus. Müdigkeit war Befreiung und Ausrede zugleich. Irgendwann trommelte die Sprachlosigkeit so laut mit beiden Fäusten auf den Tisch, dass wir uns die Ohren zu hielten und das Weite suchten. Zu diesem Zeitpunkt war der Sommer schon zu ein paar Kalenderseiten verkommen, zu denen man zurück blättern musste.

Ganz am Ende scheute er sich nicht einmal mich kackendreist vor die Türe zu setzen. Ein Sakrileg der Gastfreundschaft. Egal wie widrig die Umstände auch sein mögen. Also: Playliste starten und den Frust in den regennassen Asphalt treten. Den ganzen langen Weg von St. Georg bis nach Altona. Zum Hostel – dem ersten in meinem Leben. So kam es, dass ich Abends mit ein paar Jungs aus London im 10er-Schlafraum eine Runde Black Jack zockte. Mein Blatt hielt sich bestens. Ne Menge Bilder oder hoher Zahlen. Und die Jungs waren auch sympathisch. „Theya oy bitches!“ tröstete mich gar einer im harten Cockney.

Die dritte und letzte Nacht verbrachte ich direkt am Flughafen. Eine alte Gewohnheit. Das war wie ein vertrauter Freund, den man leider nur ganz selten sah und dem man in den langen Stunden nach Mitternacht seine neusten Geheimnisse flüsterte. Ich schlug mir die Jacke zu und rückte meinen Nacken auf der Lehne zurecht. Manchmal, sagte ich ganz leise, manchmal wissen wir von Anfang an, dass es kein Happy End der Geschichte geben wird. Das sahen wir genauso wie der andere. Aber wir setzten trotzdem darauf. Einfach, weil sich die gemeinsame Zeit so wohl angefühlt hatte. Weil es schön wäre, gemeinsam durch die Stadt zu rennen und den Abspann überall auf die Häuserwände zu sprühen. Unsere Namen auf Stein. Selbst wenn der Film nur einen Sommer liefe.

Wie auch immer. Besagter Sommer tat trotzdem gut, so viel stand fest. Und er hatte mich gegen Ende wiederholt aus meiner Gemütlichkeit gezwungen. Dadurch tat ich notgedrungen Dinge, nach denen ich mich klammheimlich lange gesehnt habe. Ich bereute also nichts. Doch – ich hielt plötzlich inne – eine Sache schon: Zwischen all dem hin und her von Gefühlen, Städten und Wetterlagen vermisste ich ein Wochenende mit Zelten. Kuschelig, inklusive nächtlichen Geschichten am Lagerfeuer. Und wenn es schon nicht am Fuße des Duckstein-Berges hätte sein können, dann wenigstens irgendwo mit Blick aufs Meer.

Ein zusätzlich Gutes hatte der Sommer übrigens auch noch: Er hat Lust auf den Herbst gemacht. Denn der wird golden, ganz klar. Das sah ich schon, als ich in Wien landete. Morgens um 11 Uhr, bei heller Sonne und 25 Grad.

2 Comments

  • 6 Jahren ago

    du hast einen echt schönen Schreibstil! Leider scheinst du das, was im Text verborgen liegt, nicht ganz offenbaren zu wollen. Das macht neugierig! 🙂

  • 6 Jahren ago

    Vielen Dank! Gelegentlich bin ich gezwungen meine erlebten Geschichten zu verklausulieren – um die Schuldigen zu schützen 😉