Gestern vom September, 2011

Donnerstag, September 29th, 2011
fingerzeig

In den letzten lauen Nächten des Sommers fordern wir noch einmal alles von der Stadt: Die schwere Süße in der Luft. Den warmen Kuss auf unserer Haut. Die Lichter. Musik. Wir laufen zu zweit, Arm in Arm. Ernten die Sehnsucht, die uns über den langen Winter hinweg nährt. Wir klettern auf die rauen Mauern und ringen mit steinernen Götzen. Seit Jahrhunderten verwitterten die geistigen Vordenker auf ihrem Platz – von uns verhöhnt, durch das Blut in unseren Adern. Sie kontern mit ihren großen Namen, die tief in den Büchern verankert und deren Werke Lehrplan und Touristenattraktionen gleichermaßen sind.

Wir ziehen uns an ihren gemeißelten Gewändern hoch, greifen ihre starren Gliedmaßen, um mit den übergroßen Meistern endlich auf Augenhöhe zu sein. Ich stütze dich von unten. Unser Übermut bricht einen Finger ab. Grau und porös. Wir heben ihn auf und rennen einfach damit weg. Um halb vier Uhr morgens. Eine demütige Opfergeste der Stadt, die wir Nacht für Nacht mehr erobern.

Gegenseitig setzen wir die kalkige Fingerspitze auf unsere Lippen und gebieten zu Schweigen: Von Ewigkeit und Alter. Und Abschied. Mit dem Herzen im Jetzt und dem Schweiß von Musik an unseren Körpern genießen wir die wenigen Stunden, bis die Herbstsonne aufgeht.

Dir ist nicht einmal kalt in deinen kurzen Hosen.

Montag, September 19th, 2011
wir machen hier noch fotos!

Weil der Sommer grafisch gesehen weniger her geben wollte als anvisiert, musste ich mir noch ein kleines finanzielles Zusatzzuckerl suchen. Beim Wiener Riesenrad. Wo eine Truppe blaugewandeter Fotoshop-Schlümpfe – wir – Touristen einen unvergessenen Moment schenken. Manchmal wiederum schenken die Touristen uns einen solchen. Wenn beispielsweise junge Eltern sich darüber mokieren, dass ihre freudlosen Bälger nicht in die Kamera lächeln wollten. Oder wenn deutsche Touristen auf unser oben genanntes Sprüchlein mit: “Wieso? Falls wir abstürzen?” antworten. Und das tun viele, deren humoristischer Horizont irgendwo zwischen Mario Barth und Ingo Appelt den Deckel zuknallt.

Eigentlich wollte ich nur bis September bleiben – ist wieder viel zu tun im Büro. Aber ich habe um einen Monat verlängert. Die Schlümpfe würden mir sonst zu sehr fehlen.

Und zum Schluss legen Sie mal bitte den Darm um die Arme. Ich meine, den Arm um die Dame. Danke!

Donnerstag, September 15th, 2011
prater

Dienstag, September 13th, 2011
erwartungsvoll in die zukunft blicken …

… mit meiner neuen Brille!

Ganz lieben Dank an meine beiden Schwestern für das vorgezogene Geburtstagsgeschenk!

Donnerstag, September 1st, 2011
eplilog: sommer zwanzig-elf

Ich saß im beengenden Sitz der kleinen Boing, Gangplatz, und fühlte mich so, als würde mein Flug direkt in zwei emotionale Twin Tower rasen. Zwar war ich im Gegensatz zu den Passagieren des 11. September vorgewarnt, gebracht hatte es mir aber nichts. Schließlich schienen die Umstände meiner Reise einer Verschwörung gleich zu kommen. Die Verschwörung eines sehr wechselwütigen Sommers.

Ein ewiges Hin und Her: Mal lag einem die Sonne in den Armen, mal erschlug einen ein Sturzbach aus heiterem Himmel, den man keine Sekunde vorhergesehen hatte. Losgeflogen war ich bei sonnenklaren 32 Grad. Beim Anflug auf Hamburg bohrte sich unsere Maschine mal wieder in eine dunkle Wolkendecke. Seufzend startete ich die Playliste “Donaukönig” und überlegte, wer von meinen Mitreisenden wohl freiwillig flöge. Oder wer viel lieber daheim geblieben wäre. Eine kurze aufkommende Turbulenz blieb harmlos, die Stewardess aber auf Grund dessen mir meinen Früchte-Tee schuldig. Dann landeten wir. Hanseatische 16 Grad, regnerisch. Die Schwimmwesten befinden sich unter Ihren Sitzen.

Die abklingende Wärme spürte man mit jedem Herzschlag. Stattdessen kroch Kälte in jede Pore, durchzog alle Gedanken und dehnte den Raum zwischen uns Zentimeter um Zentimeter aus. Müdigkeit war Befreiung und Ausrede zugleich. Irgendwann trommelte die Sprachlosigkeit so laut mit beiden Fäusten auf den Tisch, dass wir uns die Ohren zu hielten und das Weite suchten. Zu diesem Zeitpunkt war der Sommer schon zu ein paar Kalenderseiten verkommen, zu denen man zurück blättern musste.

Ganz am Ende scheute er sich nicht einmal mich kackendreist vor die Türe zu setzen. Ein Sakrileg der Gastfreundschaft. Egal wie widrig die Umstände auch sein mögen. Also: Playliste starten und den Frust in den regennassen Asphalt treten. Den ganzen langen Weg von St. Georg bis nach Altona. Zum Hostel – dem ersten in meinem Leben. So kam es, dass ich Abends mit ein paar Jungs aus London im 10er-Schlafraum eine Runde Black Jack zockte. Mein Blatt hielt sich bestens. Ne Menge Bilder oder hoher Zahlen. Und die Jungs waren auch sympathisch. “Theya oy bitches!“ tröstete mich gar einer im harten Cockney.

Die dritte und letzte Nacht verbrachte ich direkt am Flughafen. Eine alte Gewohnheit. Das war wie ein vertrauter Freund, den man leider nur ganz selten sah und dem man in den langen Stunden nach Mitternacht seine neusten Geheimnisse flüsterte. Ich schlug mir die Jacke zu und rückte meinen Nacken auf der Lehne zurecht. Manchmal, sagte ich ganz leise, manchmal wissen wir von Anfang an, dass es kein Happy End der Geschichte geben wird. Das sahen wir genauso wie der andere. Aber wir setzten trotzdem darauf. Einfach, weil sich die gemeinsame Zeit so wohl angefühlt hatte. Weil es schön wäre, gemeinsam durch die Stadt zu rennen und den Abspann überall auf die Häuserwände zu sprühen. Unsere Namen auf Stein. Selbst wenn der Film nur einen Sommer liefe.

Wie auch immer. Besagter Sommer tat trotzdem gut, so viel stand fest. Und er hatte mich gegen Ende wiederholt aus meiner Gemütlichkeit gezwungen. Dadurch tat ich notgedrungen Dinge, nach denen ich mich klammheimlich lange gesehnt habe. Ich bereute also nichts. Doch – ich hielt plötzlich inne – eine Sache schon: Zwischen all dem hin und her von Gefühlen, Städten und Wetterlagen vermisste ich ein Wochenende mit Zelten. Kuschelig, inklusive nächtlichen Geschichten am Lagerfeuer. Und wenn es schon nicht am Fuße des Duckstein-Berges hätte sein können, dann wenigstens irgendwo mit Blick aufs Meer.

Ein zusätzlich Gutes hatte der Sommer übrigens auch noch: Er hat Lust auf den Herbst gemacht. Denn der wird golden, ganz klar. Das sah ich schon, als ich in Wien landete. Morgens um 11 Uhr, bei heller Sonne und 25 Grad.