Schlagzeilen

Dienstag, 4. Januar
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Eigentlich kennt man die Leute ja nie: Diese anonymen Schicksale in der Boulevardpresse, hinten, bei Vermischtes auf Seite Acht – wenn es um Mord, Totschlag oder grausame Unfälle geht. Das ist immer irgendwer aus dem anderen Stadtteil, dessen persönliches Drama in eine Viertel Spalte gequetscht wurde. Nur um den Leser ein ,Tse‘ oder ,Ach‘ zu entlocken. Für mich diesmal nicht.

Er war der Regisseur unserer ersten Lesung, die Barbara und ich für die Stuthe organisieren. Ein junger, sympathischer Kerl – einer, mit dem man durchaus noch die ein oder andere Party besucht hätte. Seine Begeisterung ließ uns das Projekt in guten Händen wissen. Nächsten Mittwoch sollte es soweit sein: die Lesungs-Premiere. Wir hatten zusammen das Stück ausgewählt, Schauspieler organisiert und mit ihm sein Konzept besprochen. Dann kletterte er in frühen Morgenstunden auf einen abgestellte Zugwaggon und kam an die Oberleitung. Seine Schlagzeile war sechs Wörter lang.

Nichts ahnend haben wir ihn danach tagelang versucht zu erreichen. An solch ein Unglück dachte keiner. Und selbst wenn ich den Pressebericht gelesen hätte – den ich erst im Nachhinein durch Google fand – ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass es jemand aus meinem Umfeld sein könnte. Der erste Übrigens – der erste meiner Generation (im weitesten Sinne) der verstorben ist.

Machs gut J. Ich hätte dir eine fette Schlagzeile auf dem Titelblatt gegönnt – irgendwann, in 50 Jahren!