Abendrot

Montag, 21. Juni
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Vor Jahren, nein Jahrzehnten – in einem anderen Millennium, in einem anderen Leben schrieb ich dieses, mein erstes Buch: ABENDROT. Damit fing alles an, die Dämmerung meiner Schriftstellerei sozusagen. Ein surreal angelegtes Werk über Freundschaft, Mord, Liebeskummer und ALF. Heute natürlich ein Fall für den Giftschrank, vor allen, da es das erste und einzige Gedicht beinhaltet, das je für ein Mädchen geschrieben habe. Trotzdem – es ist mein Baby, ich habe es lieb. Und daher gab’s vor kurzem ein Redesign. (Die erste Version habe ich noch in ,Word‘ gesetzt – ein typografischer Albtraum!)

Die App-Ästhetik war freilich beim Verfassen des Buches noch ferne Zukunftsmusik, passt aber dennoch sehr gut zur Geschichte. Und obwohl jede Seite von peinlicher pre-pubertärer Schwachmaten-Philosophie erdrückt wird, hier mal ein kurzer Auszug:

Bender stand auf, um noch etwas gekühltes Bier aus dem Bach neben uns zu fischen. Er hatte aus seinem Dosenvorrat einen kleinen Staudamm gebaut und deshalb rund um den Bach für eine mittelschwere Überschwemmung gesorgt. Mit einer neuen Hülse kam er wieder an das Lagerfeuer zurück. »Ist euch eigentlich bewusst, dass jeder richtige Junge in seinem Leben mindestens einen Staudamm in einem kleinen Waldbach gebaut haben muss?« ließ er uns weise wissen und fuhr fort: »Ein Junge, der keinen Staudamm gebaut hat, ist kein richtiger Junge. Ich habe früher Hunderte von Staudämmen gebaut. Manchmal war ich tagelang mit nur einem einzigen beschäftigt, weil sich das Wasser immer wieder einen Weg verschaffte, um seitlich abzufließen.«

Ich war erstaunt. Bender hatte die Sache genau auf den Kopf getroffen. Es gehörte quasi zur Kindheit dazu, dass man Staudämme baut. »Warum eigentlich? Weshalb bauen alle Jungs Staudämme? Selbst ich habe Staudämme gebaut und ich bin beileibe kein Bastel- und Tüftelkind gewesen.«

Conio versuchte eine Erklärung zu finden. »Vielleicht liegt das an einem urmenschlichen Drang, die Naturgewalten beherrschen zu wollen. Sich sozusagen, die Erde Untertan zu machen.«

»Ja, vielleicht. Vielleicht liegt das aber auch nur daran, um schon in der Kindheit feststellen zu können, welcher Junge später mal schwul wird. Nämlich alle, die keine Staudämme bauen!« Von seiner Vermutung überzeugt, griff sich Bender noch ein Stück Käsekuchen. Der Staudammtheoretiker schmatze eine zeitlang vor sich hin und ich sorgte dafür, dass unser Feuerchen nicht ausging.

»Ich liebe Feuer, es hat etwas Majestätisches,« flüsterte ich zu Conio, der neben mir saß. Wie gebannt schaute ich in das Lagerfeuer und verfolgte, wie eine Schar kleiner Flammen ihre großen Brüder ärgern wollten. »Das Feuer,« philosophierte ich weiter, »ist das unbarmherzigste aller vier Elemente. Sicher, Stürme und Wasserfluten können ebenfalls gnadenlos sein, aber sie kommen selten überraschend. Eigentlich weiß man schon Tage vorher, ob ein Orkan aufzieht oder eventuell ein Fluss über die Ufer treten wird. Ein Feuer aber kann dich jeder Zeit erwischen. Bei einer Überschwemmung in deinem Keller kannst du zwar höchstwahrscheinlich dein ganzes Gerümpel auf den Müll kippen, aber das ein oder andere ist garantiert noch zu retten. Wenn es aber gebrannt hat, ist alles unwiderruflich vernichtet. Wasser, Erde und Luft zerstört – Feuer vernichtet! Kurioserweise ist Feuer aber das einzige Element, das wir nicht direkt zum Leben brauchen. Ohne die Erde hätten wir nichts zum Essen. Ohne Luft würden wir ersticken und ohne Wasser verdursten. Feuer dient nur zu unserem Wohlbefinden. Vor allen Dingen schenkt es uns ja Wärme und Geborgenheit. Feuer ist so ähnlich wie die Liebe. Streng genommen brauchen wir sie nicht. Wir müssen uns zwar fortpflanzen, aber wir müssen nicht unbedingt lieben. Wir tun es aber trotzdem – immer und immer wieder. Weil es ein unwahrscheinlich wärmendes und geborgenes Gefühl ist, wenn man liebt oder verliebt ist. Doch wenn wir nicht aufpassen, verbrennen wir uns schnell daran – und wenn wir Pech haben, vernichtet uns die Liebe.«