Auf den Stufen der Ernüchterung

Vor fünf Minuten hatte es Mitternacht geschlagen. Jetzt war ein neuer Tag, Montag, und ich auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Es schneite zwar nicht richtig, aber ein paar verlorene Schneeflocken schwirrten dennoch wie Mücken durch die Nachtluft und ließen sich vom warmen Licht der Straßenlaterne anziehen. Am Schottentor, einem Verkehrsknotenpunkt der Stadtlinien schepperten die letzten Straßenbahnen in die neongetränkte Haltestelle. Passagiere gab es nur noch wenige, das Wochenende war vorbei, alle großen Abenteuer bestanden. Die Schaffner fuhren müde die leeren Wagons spazieren.

Ein paar Schritte weiter, im dunklen Nebeneingang der Hauptuni saß er dann: ein Mann, Ende Dreißig ungefähr, auf den kalten Stufen und die Wollmütze tief in die Stirn gezogen. Erschöpft hielt er sich an einer, in Cellophan eingetüteten Rose fest. Eine, wie man sie von den Rosenverkäufern für drei Euro erstehen kann. Aber der Mann, der da saß, sah nicht aus, als würde er auf jemanden warten. Auf jemanden, dem er die Rose mit einem verlegenen Lächeln noch überreichen könnte. Nein – eher, als hätte er für den vergangenen Abend etwas erwartet. Etwas bestimmtes. Etwas, das verfluchterweise nicht eintrat. Die florale Liebesbekundung war noch nicht einmal aufgeblüht und der Kerl schien nicht recht zu wissen, was er mit dem Ding in seiner Hand jetzt anfangen sollte. Wenn schon die mögliche Adressatin das Rosengewächs nicht in eine Vase stellen würde, tat er es dann?

Als ich die lange Straße bis zur nächsten großen Ampel hinter mich gebracht hatte, saß er immer noch da; ganz klein am Horizont – die Rose in der Hand und möglicherweise noch die Liebe im Herzen. … Eine Kreuzung weiter war er dann nur noch eine Schneeflocke die um die Straßenlaterne tanzte.

1 Comment

  • Gretchen
    8 Jahren ago

    Jetzt hab ich eine ganz dicke Schneeflocke in den Augen…