Sonntag, Mai 3rd, 2009 um 12:05 Uhr
600 Gramm Wirtschaftswunderland

Was dem Ungarn seine Salami und dem Ami sein Hot-Dog ist, ist dem Deutschen seine Fleischwurst. Und die Fleischwurst kommt, wie alles Gute aus Deutschland, gar nicht aus Deutschland selbst, sondern aus Frankreich. Das weiß aber kein Deutscher, und deswegen ist die Fleischwurst ein urdeutsches Nationalgericht.

Schon zu Schulzeiten begleitete sie uns zuverlässig: als Scheiben auf das Pausenbrot geschnitten und vielleicht noch mit etwas Schnittlauch garniert. Fleischwurststulle war die deftige Alternative zur Nutellaschnitte. Für alle anderen Beläge wurde man als Kind ausgelacht. Seit damals steht sie uns in unseren schwachen, magenknurrenden Zeiten tapfer und treu bei.

Uns stört es auch nicht, dass die Fleischwurst genauso hässlich ist, wie ihr Name vermuten lässt. Wahrscheinlich ist sie von allen Würsten auf der Welt die mit Abstand hässlichste. So aufgequollen, so feist, so schweinchenrosa. Aber wir lieben sie dennoch. Denn wir, wir schauen hinter die Fratze aus Schweinegedärm und Kuhinnereien. Wir schauen auf den Ring, auf den fast perfekten Ring, der beinahe einen Kreis zu bilden scheint. Ein Kreis, das weiß jeder, ein Kreis steht für Perfektion, für Ganzheit, für Unendlichkeit. Also alles tiefdeutsche Traditionen, alles fest in unserer Geschichte verwurzelte Eigenschaften. Gilt der Deutsche nicht allgemein als Perfektionist? Steht die Ganzheit der Fleischwurst nicht als konträres Zeichen zur jahrelangen Teilung des Landes? Und Unendlichkeit? Nun ja, Unendlichkeit, die hat statt der versprochenen Tausend Jahre nur Zwölf gehalten, aber egal, denn die Fleischwurst, die konnte uns selbst Zappel-Atze nicht kaputt machen. Den Nationalstolz, den mussten wir 1945 abgeben, aber die Fleischwurst durften wir behalten. Und seien wir ehrlich, das Wichtigere von beiden blieb uns.

Und nach dem Krieg? Nach dem sich der Staub der Trümmer gelegt hatte, was hatten wir da? Nichts! Nichts und einen Kringel Fleischwurst. 600 Gramm Wirtschaftswunderland. Noch immer hängt der 50er-Jahre-Charme fest an ihren Zipfeln. Aber damals war sie der Lorbeerkranz des kleinen Mannes, des kleinen Zipfelmützen-Ottos.

Heute ist sie vor allem praktisch. Man zaubert sie aus seiner Pausenbüchse, schält kunstvoll den Darm herunter und beißt rein. Fertig! Die Fleischwurst ist die Banane unter den Wurstwaren. Wie kompliziert und eigensinnig ist dagegen eine Weißwurst. Bei genau 65 Grad köcheln, dann süßer Senf dazu und auszuzeln. Auszuzeln! Alleine der Ausdruck würde einen osthessischen Straßenbauarbeiter bei seiner Frühstückspause überfordern. Nein, die Fleischwurst kennt keine sozialen Unterschiede, sie kennt kein gut oder schlecht, klug oder dumm, Anfang oder Ende. Die Fleischwurst kennt nur eines: unseren Hunger. Und den besser, als alle anderen Würste dieser Welt.

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