Gestern vom Mai, 2009

Freitag, Mai 29th, 2009
nachrichtenfieber

Nachdem allmorgendlich die Mails gecheckt sind, wird direkt zu SPIEGEL ONLINE weiter geklickt. Wie immer schon. Mal schauen, wie das wehrte Empfinden unserer Nation so ist, was Merkel wieder ausheckt, warum Kerner das ZDF verlässt, weshalb Benno Ohnesorgs Todesschütze bei der Stasi war … Ich weiß, wovon und worüber berichtet wird, ich bin noch Teil des Systems. Aber eigentlich, ja eigentlich müsste mein Klick mich zum derSTANDARD führen, Österreichs führendem Nachrichtenblatt. Doch noch sagen mir die (nationalen) Überschriften nichts. Keinen Politiker vermag ich zuzuordnen, gesellschaftliche Zusammenhänge erschließen sich mir nicht und die Selbstdarsteller des Boulevards sind mit fremd. Wie lange dauert so etwas? Ab wann ist  man in einer Gemeinschaft so eingebunden, dass sich mediale Namen und Gesichter mit persönlicher Geschichte vermischt?

Wie viel Zeit brauchte wohl ein Nigerianer, der 2004 nach Mannheim kam, um die komplette Nichtigkeit einer Verona Feldbusch/Pooth zu erkennen?

Dienstag, Mai 26th, 2009
Bursche sucht (bevorzugt) Mitbewohnerin

hura der frühling ist da : ) 

suche eine nette aufgeschlossene (bevorzugt) mitbewohnerin (weiblich) 
die es nicht scheut ein gemütliches zimmerchen mit einem charmanten jungen sich zu teilen, ich selber bin umgänglich und sehr gastfreundlich ..

auf einen herzlichen unverbindlichen besuch freue ich mich emanuel : )


Ja, mei, was man so alles im Inseratenteil der Wohnungsgebote findet… Vielleicht sollte der Kerl mal bei ner Partnervermittlung anfragen. Die Miete war aber recht günstig, nur 75 Euro. Wahrscheinlich dürfen die übrigen Zahlen, also Maße ruhig etwas größer sein *pfeif*

Sonntag, Mai 24th, 2009
schlimmer gruss dunkler, deutscher geschichte

Die Österreicher mögen uns Deutsche nicht. Wegen der Annexion und so. Und wegen dem ersten Weltkrieg, als sie vom Kaiserreich zur Alpenrepublik degradiert wurden, vom ebenbürtigen Nachbarn zum kleinen Halbbruder. All das halt. 

Gestern, noch leicht gesundheitlich angeschlagen, eilte ich nach Hause, als mein Blick auf einen schrottigen Volvo gelenkt wurde. Model 244 GL, Baujahr 1974, himmelblau. Drinnen ein Endfünfziger im sandfarbenem Jackett, daneben seine gleichaltrige Ische. Seine schulterlagen Haare hingen ihm bei ungelenken Einparkversuchen zottelig ins Gesicht, das Jackett schubberte auf den Schonbezügen im Schneeleopardenmuster. Alles sehr kniffelig. Die Karre ansonsten mit Trödel zugehäuft und mit Aufklebern volltapeziert. Eine Kerl, bei dem alle Fotoleute unter uns, um ein eine Portraitserie gebettelt hätten, ein Klischee-Kauz mit Dreitagebart, der geradezu schrie, als Protagonist durch eine meiner Kurzgeschichten zu kurven.

Dann touchierte sein Heck das Parkverbotsschild. 

Ich wollte behilflich sein, wo es eigentlich nichts mehr zu helfen gab. Zu Bruch gegangen war nichts, das Schild hing auch vorher schief in der Landschaft rum. Aber er war genervt, dass ich anfangs nur herumstand und die Szenerie begutachtete. Und sein Auto … und ich der Deutsche … klar hätte ja auch seine Ische … aber der glotzende Piefke … Unschlüssig wankte er bei unserem kurzen Dialog zwischen freundlich und grantig, zum Abschied entschied er sich für letzteres: H… H…!

Ich behielt die Contenance.

Eine Kurzgeschichte über ihn will ich noch immer schreiben, aber jetzt betrügt er seine Alte und zum Schluss geht seine scheiß Karre in Flammen auf.

Donnerstag, Mai 21st, 2009
der duft der nacht

Es ist Zehn Uhr abends, doch durch das Stiegenhaus schwirrt der süße Geruch eines frisch gebackenen Kuchens. Draußen ist es noch warm, ein dünner Pullover langt völlig, in den Straßen des ersten Bezirks hat sich schon der Sommer gemütlich gemacht. Die Reichen der Stadt sind in den noblen Restaurants jenseits der Hofburg unter sich, die Touristen beblitzen lieber den Stephansdom, als sich zwischen die Anzugselite zu zwängen. Eine Schulklasse auf Abschlussfahrt irrt durch jahrhundertalte Kunstgeschichte, im Pulk und mit Erdbeereis. Die Gassen sind feucht, gesäubert vom Pferdemist dutzender Fiaker. Doch deren Dunst wurde längst tief in den Asphalt getreten. Unten am Schwedenplatz, wo die fotogene Sightseeing-Kulisse nichts mehr her gibt, trifft sich die Jugend zum nächtlichen Ausschwärmen. Mittendrin die personifizierte Coolness: keine Zwanzig, Sonnenbrille und geföhnte Sunnyboy-Tolle. Dazu hellblaues Shirt, rote Schuhe, gelbe Ottakringer-Bierdose. Den Blick stur auf den Boden und lässig ne selbstgedrehte Tschik rauchend. Amerikanisches Rebellentum der Fünfziger neben Dönerstand und U-Bahn-Eingang. Dann kommen seine Kumpels, die Brille wird über die Haare geschoben und die Maske der gespielten Lässigkeit fällt auf den Boden. Ach Burli, geh, bist ja eigentlich n ganz n lieber, gell!?


Sonntag, Mai 17th, 2009
i’ve killed the germ

Germ bedeutet Hefe, aber wenn man eben diese beim Zubereiten zu hoch erhitzt, gibt es einen Bakteriengenozid vom feinsten. Bei meinem ersten Versuch einen Hefezopf zu backen, war die Milch, in der ich die Hefe auflöste, leider etwas zu hoch temperiert. Folglich ging der Teig nicht auf und aus der Backröhre kam ein fester Klumpen Mehlspeise, den man auch perfekt als Grundstein für einen Wolkenkratzer hätte benützen können. Beim zweiten Mal klappte es schon deutlich besser, allerdings ist das untere Foto nur ein Zwischenstand, bei dem das Innenleben noch leicht roh war. Zum finalen Ergebnis präsentierte sich der Zopf dann mit so einer Art Chitinpanzer aus Weizen, deutlich dunkel gefärbt. *räusper*

Also auf ein Drittes! Der Zopf war mir eh noch nicht süß genug, ich muss den Zuckergehalt also deutlich steigern. Und wie sagte schon Helmut Newton? “Die ersten 10.000 Hefezöpfe, sind die schlechtesten.” Na dann … 

Donnerstag, Mai 14th, 2009
Expedition ,17 Quadratmeter‘

Auf der Suche nach einer neuen Bleibe, den eigenen vier Wiener Wänden, lugt man ja zwangsweise hinter die stuckverzierten Mauern der Stadt. Man klappert Adressen und Menschen ab, schaut sich Zimmer und mögliche Mitbewohner an. Man trifft auf schmucke Fassaden oder verstaubten Mörtel. Man lernt Gemeinschaften kennen, deren Zusammensetzung sich wie ein Groschen-Roman-Ensemble anmutet. Man stellt sich Menschen vor, denen man auf der Straße den Rücken zudrehen würde. Und man stellt sich Menschen vor, bei denen man hofft, sie mögen einen noch ein Stück auf der Expedition begleiten. Man geht an vergilbten 70er-Jahre-Tapeten vorbei, welche den Atem dutzender WG-Generationen aufsogen, man tritt durch Flügeltüren, die einem Abenteuer und mondäne Partys versprechen. Man sieht sich Zimmer an, vor deren Fenstern die Straßenbahn vorbeischeppert oder andere, von denen man direkten Blick auf Balkon und Wohnung von Natascha Kampusch hat, und diese, just im Moment der Besichtigung, auf dem Balkon ihre Blumen versorgt.

Eine Wohnung habe ich immer noch nicht. Mal sehen, was was noch alles kommt.

Montag, Mai 11th, 2009
revier im quartier

Im Museumsquartier kann man phänomenal gut seine Zeit tot schlagen. Zum einen, da wochenends im Sommer den ganzen Tag über DJs den Platz mit ihrer Musik berieseln und zum anderen, weil die kreative Energie förmlich aus den Lüftungsschächten der umstehenden Gebäude dampft. Das ist dort ein bisschen wie in Abrahams Schoß, wäre denn der Mann ein wilder Maler zurückliegender Epochen gewesen. Und viel los ist natürlich auch. So kann man sich bequem das Geld für irgendwelche Ausstellungen sparen und das skurrilste Kunstwerk der Erde bewundern: den Menschen. Während also ringsherum die Werke von Klimt und Schiele an den Wänden hängen, hängt man vor den Museumshallen bei Bier und Palaver ab und lässt seine Blicke kreisen.

Und das Gespräch mit einem älteren Ami gab mir die Gewissheit: sooo schlecht ist mein Englisch gar nicht.

Zum Schluss noch ein Plakatschmankerl. Das Museum ist freilich fiktiv, sein Eintrittsgeld wäre es aber gewiss wert.

Sonntag, Mai 10th, 2009
folgen sie dem regenschirm

Längstens überfällig, aber dann doch nicht so Sightseeing-touristisch geworden wie angedacht: Wien am schönen Sonntag.

Samstag, Mai 9th, 2009
Fensterbrettdschungel

Ich habe den Setzling, den mir die Schwester meines Schwagers zum Einzug/Herzug geschenkt hat, nun endlich eingetopft. Nicht, dass ich mir geschlagene vier Wochen dafür Zeit lies, nein, der Setzling musste freilich erst noch in einem Wasserglas Wurzeln schlagen. Jetzt habe ich also meine erste Zimmerpflanze und zusammen mit dem Regal, das mir freundlicherweise mein Mitbewohner abtrat, sieht meine vorübergehende Bleibe schon ein ganz klein wenig nach “zu Hause” aus. Um welches Gewächs es sich im einzelnen hier handelt, konnte bisher nicht festgestellt werden. Meine Botanik-Kenntnisse sind zu rudimentär dafür. Ich hoffe aber auf eine kleine Fruchternte im kommenden Sommer.

Rechts davon, in der Blechbüchse, gedeiht übrigens mein frisch gesäter Schnittlauch. Für eigenes Schnittlauchbrot, später mal.

Mittwoch, Mai 6th, 2009
die hoffnung: von uns gegangen, zuletzt und für immer

Wenn sie stirbt, die Hoffnung, stirbt sie gewiss keinen Heldentod. Sie rettet dann nicht noch ein kleines Baby oder hält kampfestrunken hunderte Angreifer von uns fern. Wenn sie stirbt, die Hoffnung, so ganz zuletzt, säumen wir für sie auch nicht die Strasse, rausgeputzt in unseren besten Hosen, mit Glanz in den Augen und einem Salutschuss am Grab.

Sie erlischt auch nicht wie eine Kerze, die noch mal sehnsüchtig aufflackert, den letzten Sauerstoff aufschnappt und sich dann gespenstisch in den Docht zurück zieht. 

Nein, sie stirbt eigentlich nicht, die Hoffnung, sie verendet. Zuerst wird sie schal, ihr prickeln entweicht. Danach wird sie sauer, sie klumpt und dickt ein. Aus einem strahlenden Weiß wird ein müdes Gelb. Allmählich wird ihr Geruch immer beißender, bis er uns unangenehm in der Nase sticht. Und wenn wir sie gedankenverloren oder gar naiv doch noch mal zu uns nehmen, spucken wir sie gleich angewidert in den Ausguss. Wie blöd kommen wir uns danach vor, wie lächerlich. Zum Affen haben wir uns gemacht, haben nicht von ihr lassen können, haben uns an sie geklammert, obwohl sie schon längst gekippt und ungenießbar war. Alles wegen ein bisschen Hoffnung, wegen diesem Kribbeln, das wie Kohlenstoffbläschen in einem Glas frischer Limonade knistert.

Warum gibt es keinen Totengräber für die Hoffnung, der kommt wenn es vorbei ist? Der sie uns weg nimmt, in eine Kiste legt und dann ab unter die Erde damit? Warum leben wir wochenlang mit einem Leichnam unter einem Dach?