Gestern vom April, 2009

Donnerstag, April 16th, 2009
affe an schienbein

Gestern ging es dann zu meiner ersten Vernissage. Als Gast freilich, nicht als Künstler. Ich mochte einige der Bilder, aber mein liebstes hing zusätzlich eher ungewöhnlich: auf Kniehöhe und nach rechts verrückt. Passend zum Bild.

Die Arbeit ist von Lutz Bielefeldt, der zusammen mit Nina Maron und Mandarina Brausewetter (ich gehe einfach mal davon aus, dass letzteres ein Künstlername ist) in einer feinen Galerie im IV. Bezirk ausstellt.

Dienstag, April 14th, 2009
kulinarische grundversorgung

Dass ich schon am zweiten Tag einen Naschladen mit meiner unangefochtenen Lieblingsschoki Café Tasse gefunden habe, kann man getrost als Wiener Willkommensgeschenk an mich werten. Zumal sie da billiger ist, als im Brüsseler Originalgeschäft. Den Hüftgold-Alarm umgehe ich mit viel Fahrrad fahren und für die Vitamine gibt es ,Pago Strawberry‘, lecker Erdbeersaft. Mmm Erdbeeren …

Montag, April 13th, 2009
links vom stephansdom beginnt der hradschin

Wien ist mehr. Wien ist Prag. Wien ist Budapest. Wien ist Türkei. Man spürt die Einflüsse: In den Straßen, auf Namensschildern, in Supermärkten. Man spürt, wo Wien herkommt. An Prag erinnert mich die Architektur, die verwinkelten Gäss-chen, aber auch die heruntergekommenen, staubigen und zerkratzen Häuser-fassaden. Anderes wiederum kenne ich aus Budapest. In vielem zeigt sich hier die geografische und geschichtliche Nähe Ungarns. Auch die Türken schafften es mittlerweile durch die Tore der Stadt und haben sich Plätze und Straßenzüge erobert. Wien ist das Tor zu Osteuropa. Wien ist Wien. Ein kleiner Setzling davon hat es nach Düsseldorf geschafft, der Hauptteil der Bussi-Bussi-Bagage blieb hier und logiert in den sündhaft teuren Restaurants des ersten Bezirks. Ohne Anzug kommt man sich an manchen Ecken fehl vor. Wien ist konservativ. Wien ist nicht Berlin. Es hat nicht diese angestrengte Jugendlichkeit und Hipness wie die Bundeshauptstadt, nicht diese Schnodderschnautze, diese Rotznäsigkeit. Wien ist klassisch, Wien ist pompös. Und Wien hält enger zusammen. Die Berliner Viertel sind sich untereinander feind, hier schmelzen die Bezirke zu einer Macht zu-sammen. Wien ist teuer. Rechne 10 bis 15 Prozent auf Deutsche Preise drauf, dann hast du Wien. Wien ist wunderbar. Wien ist richtig.

Und vielleicht liegt es an dem einzigartigen Geruch, den nur Großstädte aus-dünsten, vielleicht an den ewig langen Straßen, die sich durch Häuserschluchten ziehen, vielleicht an den Parks, die Menschenmassen oder einfach nur an meiner Einbildung: aber ein ganz klein wenig ist Wien für mich auch New York.

Sonntag, April 12th, 2009
down under an der donau

Mein ganz persönlicher und niemals endender Museumsmarathon wurde heute gegen Nachmittag gestartet. Die Unmengen von Wiener Ausstellungen, Galerien, Vernissagen, Festivals und hör’-mir-auf bringen jeden Terminkalender und jede Geldbörse in arge Bedrängnis. Schon jetzt stehen vier weitere Ausstellungen an, die ein absolutes ,must see‘ sind. Vom sensationellen Kinoprogramm hier ganz zu schweigen. In den Monaten Juni und Juli kollabiert dann wahrscheinlich das komplette System.

Wie auch immer, die Fotoausstellung Conversations with the Mob über Aborigines von Megan Lewis war definitiv beeindruckend. Gruß von hier aus an die Surfer-Fotografin im Outback. Darüber hinaus ist die Galerie Westlicht ein überaus schöner Schauplatz für Fotografie und nebenbei so etwas wie ein Leica-Museum. Und im Erdgeschoß befindet sich zusätzlich auch ein Leica-Geschäft. Ideal also für solvente Emporkömmlinge, die denken, mit der richtigen Knipse könnte man auch solche Bilder hinbekommen.

Alles folgenden Werke wurden nicht mit einer Leica aufgenommen und hängen auch in keinem Museum. Auf das Museum kann ich verzichten, aber die Leica …

Sonntag, April 12th, 2009
Einfach mal nicht zahlen

Einfach mal nicht zahlen, die Strafe, die man von uns fordert. Einfach mal nicht zahlen, die Strafe für ein Vergehen das wir begangen haben oder das wir nicht begangen haben oder dem man uns verdächtigt. Einfach mal nicht zahlen, weil es kein Vorsatz war, sondern nur unsere Dusseligkeit, unsere Übermüdung.

Einfach mal nicht zahlen, auch wenn es sich auszahlen würde. Einfach mal nicht zahlen, weil alles seinen Preis hat, der uns stets im Nachhinein genannt wird. Beim großen Ausverkauf, wenn alles so vermeintlich billig ist.

Einfach mal nicht zahlen, denn wo Zahlen zählen, zählen Seelen wenig.

 

Es einfach mal irgendwem NICHT heimzahlen, weil er es dann UNS wieder heimzahlen würde, weil wir es dann IHM wieder heimzahlen und weil am Ende irgendwer mit dem Leben zahlt.

Einfach mal nicht zahlen, denn: don’t pay the ferryman.

 

Einfach mal nicht zahlen, die Zeche, die andere prellen, in ihrer Gier, in ihrem Durst nach mehr. Und wir? Wir schimpfen an unserem Stammtisch und schlucken das Unrecht mit dem nächsten Bier runter. Und für manche bleibt nur das Flaschenpfand. Vom Boden aufgelesen und im Einkaufswagen fortgeschoben.

Einfach mal nicht zahlen, denn irgendwer zahlt immer.

 

Einfach mal nicht zahlen, das ist das Einzige was zählt.

Samstag, April 11th, 2009
einmal mit extra

Auf einer Kreidetafel preist ein Restaurant seine Gerichte an. Ebenfalls dabei: Chili con Carne – auf Wunsch auch in scharf. Irgendwie ist das doch wie: Spaghetti Bolognese – auf Wunsch auch mit Hackfleisch. Oder?

Freitag, April 10th, 2009
von oben ordnet sich alles

Allmählich senkt sich der Rausch Millionen neuer Informationen und Eindrücke. Wie bei einer 90er-Jahre Computer-Grafik baut sich Stück für Stück, Pixel für Pixel die Orientierung auf. Quälend langsam, aber das grobe Bild lässt sich schon erahnen. Hier wohne ich, da ist der Supermarkt, da lang geht es in die Innenstadt. Fällt mir bei meinen Streifzügen ein besonders schöner Laden oder ein interessantes Café auf, notiere ich es gleich im Kalender. Straße, Ecke, Name: dich finde ich wieder.

 

Einen Lieblingsplatz habe ich auch schon: die Stadtbücherei. Nicht innendrin, obendrauf! Auf einer Seite führt eine Treppe pyramidenartig bis hoch zum Dach. Rechts und links hupen die Autos über den Gürtel. Rechts und links tief unter einem. Der ideale Ort, um Sonne zu fangen, durchzuatmen, zu überlegen, welchen Weg man als nächstes einschlägt, um sich mit Kaltgetränkflaschen zuzuprosten, für sich zu sein, unter Menschen zu kommen, Blödsinn zu quatschen, einem Freund sein Herz auszuschütten, Wunden zu lecken, mit sich im reinen zu sein, sich vom Rauch seiner Pfeife einhüllen zu lassen, um einfach nur da zu sein. Um überhaupt da zu sein.

Mein Lieblingswort der Woche (an irgendeine Wand gesprüht) ist übrigens: Wohlstandsverwahrlosung

Donnerstag, April 9th, 2009
chaos-enklave

Die Umzugskisten sind mit der gleichen Planlosigkeit gepackt worden, wie ich mein Abenteuer ,Berufsleben in einem fremden Land‘ angehe. Über ersteres stolpere ich nachts, das andere interessiert noch nicht. Draußen, jenseits meiner Zimmertür, ist beides geordnet. Das Doktorenpärchen, bei dem ich für die erste Zeit eine dankbare Bleibe gefunden habe, lebt das gutsituierte Mittdreißiger Leben in Wien Mitte, 9. Bezirk, Altbau. 

Hinter den Lettern, also auf der anderen Seite der oben offenen Wand, befindet sich das Badezimmer. Morgens kann man unter der Dusche das Röstbrot im Toaster riechen, oder andersrum, in der Küche beim Semmeln schmieren jemanden Zähneputzen hören. Die Toilette übrigens ist ganz woanders.

Im Flur und Wohnzimmer höhnt mir aus zwei übergroßen Bücherregalen meine eigene Unbelesenheit entgegen: Hier versammelt sich eine geschätzte halbe Bibliothek. Doch ich bin mir sicher, wenn man aus den ganzen Philosophiebüchern und Wissenschaftstexten den Schwafel destillieren würde, hätte man im Sud die gleiche Menge an prägnanten Fakten, wie bei ,Detail-Typo‘ bis zu Seite 263.

Mein improvisierter Arbeitsplatz in meinem Kämmerlein. Das Kinoplakat hing schon. Den Titel dieses französischen Autorenfilms habe ich noch nie gehört.

Am schönsten bei dieser temporären Herberge, ist jedoch der Schlüssel. Sind in der Heimat doch immer noch viel zu häufig die gezahnten Ungeheuer im Umlauf. Preußisches Zack Zack. Mit einem deutschen Schlüssel kann man zur Not den Urwald absägen. Aber hier, dieser hier,

schmiegt sich in Schloss und Leben. Futuristisch und geheimnisvoll zugleich. Damit werden keine Türen geöffnet, damit werden Träume gestartet.

Dienstag, April 7th, 2009
ich wohne im urlaub

Wien, Tag Eins. Draußen fühlt es sich nach Sommerferien an. Trügerisch, denn letzte Nacht traf mich die volle Breitseite der Realität: Ich habe keinen Flieger, der mich in vierzehn Tagen zurück nach Hörde bringt, ich schreibe keine Postkarten über das tolle Wetter und ich sitze auch nicht demnächst wieder bei S. in der Küche, mit Bergmanns-Bier und Laberei bis drei Uhr früh, bis die ersten U-Bahnen fahren.

Also: durchatmen, Ärmel hochkrempeln, Stadtplan kaufen. Ich bin nicht hier, um mich von meiner eigenen Courage überfahren zu lassen.

Hallo Wien, ich dusch’ nur noch schnell, dann mache ich dir die Tür auf.

Montag, April 6th, 2009
wie viel leben passt in ein auto?

Odenwald – Wien. 700 Kilometer, ohne nennenswerte Zwischenpausen. So blieb mir auch ein Besuch in ,Pullman City‘ versagt, eine Westernstadt in Süd-Bayern, in unmittelbarer Nähe zur Gemeinde ,Aicha vorm Wald‘. Die letzten 200 Kilometer stellte ich mir Aicha als ein osmanisches Cowgirl vor, mit Kopftuch unterm Stetson, das bis an die Zähne bewaffnet hinter den Birken steht und den bajuwarischen Frieden bedroht. Einmal Hamburger vom Spieß. Schön scharf und mit Knoblauch!

Zur Dämmerung funkelten die Wiener Großstadtlichter am Horizont, doch im Abreisechaos hatte ich den ausgedruckten Stadtplan im Odenwald liegen lassen. Einzig mit einer vagen Routenbeschreibung von Google-Maps (Punkt 6: Bei Ausfahrt A3 Richtung Würzburg fahren. Sie sind jetzt in Österreich) kämpfte ich mich durch den abendlichen Verkehrsinfarkt. Gott sei Dank durfte ich den Leihwagen kurz darauf abgeben. Autofahren werde ich hier nie wieder.