Gestern vom April, 2009

Donnerstag, April 30th, 2009
yppenplatz

Donnerstag, April 30th, 2009
plötzlich, um die ecke

Gestern war wieder einer dieser ,Die ganze Welt ist ein Dorf‘-Momente, wenn sich wieder ganz zufällig Wege kreuzen, an Stellen, an denen man so gar nicht mit gerechnet hat. Wenn man etwa nach seiner Nordpolexpedition einen Trip durch die Sahara macht und plötzlich reitet der Eskimoführer auf einem Kamel vorüber. Eigentlich wollte ich mir nur einen Poetry Slam ansehen, ganz in meiner Nähe und plötzlich steht mir da Tilman Birr gegenüber. Tilman ist der Bruder von C., einer meiner besten Freunde. Tilman slamt zwar durchaus öfter und schon meisterlich, aber weniger in Wien und am Gürtelbogen. Der Gürtelbogen ist eine U-Bahn-Trasse unter der sich allerlei Clubs und Bars angesiedelt haben. Ein Projekt, von der EU gefördert und von mir begeistert aufgenommen. Ob das auch dem Eskimoführer gefallen würde, ist mir leider nicht bekannt.

Mittwoch, April 29th, 2009
dachboden wien

Die Stadt scheint ein gigantischer Speicher voll mit Zeugs, mit Sachen, und mit Krims und Krams zu sein. Hinter jeder Ecke, selbst in der schmalsten Gasse verbergen sich kleine Schätzchen, die einem ein staunendes Ooohh oder Aaahh entlocken: Eine kleine Kirche, eine besonders schöne Fassade, ein absolut bezauberndes Ladenlokal. Selbst hinter dem staubigsten Gerümpel zieht man plötzlich eine Schachtel mit Glitzerzauber hervor. Und bei jedem Fund, bekommt man Lust darüber eine kleine Fotostrecke zu machen. Heute war es eine Independent-Videothek im Fifties-Look und ein sündhaft teures Schoko-ladengeschäft mit eigener Pralinenherstellung. Das dortige Marzipankonfekt (1,50 Euro pro Stück) war viel zu überzuckert und kommt um Längen nicht an mein eigenes Marzipan heran. Ich werde wohl demnächst mal wieder ein paar Mandeln zerhäckseln.

Und wie in jeder anderen Großstadt ebenfalls üblich, geben sich alle Frisöre beim benennen ihres Salons ganz ausgebufften Wortspielen mit ,Haar‘ hin. Extra für M. nun eine ganz frische Entdeckung aus dem ,Barbers District‘:

Dienstag, April 28th, 2009
ich schaue in die welt …

Was bitte schön der Buchtitel ,Das Leben ist keine Waldorfschule‘ mit der Covergestaltung zu tun hat, bleibt mir ein Rätsel. Rechte Winkel, auch in Fliesen, sind bei den Anthroposophen verpönt. Und ein echtes Waldi-Warn-Schild wäre aus Ton getöpfert oder mit Weidenruten geflochten. Zumindest mal mit Wachsmalstiften ausgemalt. Die kurzweiligen Geschichten von Mischa-Sarim Vérollet hinter dem Buchdeckel, sind dagegen durchaus gelungener. Wenn man von ein, zwei schwächeren Storys absieht, bekommt man für sein Geld herrlich amüsante Unterhaltung, die gerne mal ins leicht Surreale weg plätschert. Seine Kindheit, auf Gibraltar geboren und irgendwann in Bielefeld gestrandet, war keine leichte: schiefe Zähne, Vorhautverengung und brutale Gegner beim Straßenfußball. Genug Stoff also für amüsante Anekdoten. Ich selbst durfte seinen wuscheligen Lockenkopf schon auf dem ein oder anderen Poetry Slam bewundern und fand den Kerl auf Anhieb so sympathisch, dass ich hier einfach ein kleines bisschen Werbung machen muss. Vor allen, weil als Sahnehäubchen obendrauf die Geschichten vom Flix illustriert wurden.

Sonntag, April 26th, 2009
Steinofen für den kleinen Mann

Mein Pizzastein ist jeden seiner unfassbar vielen Euros wert. Nicht nur, dass man damit unglaublich knusprige Pizzen aus dem Ofen zaubert, nein, mit nur einem Schieber in und aus der Backröhre katapultiert man sich in einen Geheimbund, dessen Mysterium einem als Kind so unendlich weit weg schien: in den Bund der Pizzabäcker. Damals, noch lange bevor jeder Pakistani einen Döner-Pizza-Kuddelmuddel-Stehstand eröffnete, war der Besuch in der Dorfpizzeria ein kleine Reise jenseits der Alpen und der Pizzabäcker die Hauptsehenswürdigkeit. Ein Artist, wie er die rohen Teigfladen in die Luft warf, damit fast jonglierte. Ein Alchimist, der mit geheimnisvoller Miene rote Tomatensoße auftrug und wie unter Zaubersprüchen dann alles mit Pilzen und Käse bestreute. Ein Schmied, ein Stahlarbeiter, welcher der feurigen Hölle im Steinofen ohne Wimpernzucken entgegentrat und das kostbare Gut, unsere Pizza Funghi, bei tausenden von Grad zu der knusprig-köstlichen Gaumenfreude buk, die uns dann so auf der Zunge zerging. 

Italienische Pizzabäcker umgab eine ebenso unnahbare Aura, wie Astronauten oder Könige fremder Länder. Pizzabäcker oder Monarch, beides schien für einen mitteldeutschen Bub ein nie zu erreichendes Berufsziel.

Doch jetzt, dank meines Pizzasteins, streue ich selber unter magischem murmeln den Käse auf die Pizza. Der Teig wurde fachgerecht schon Tags zuvor geknetet und über Nacht im Kühlschrank gehen gelassen. Und was dann aus dem Ofen gezogen wird, lässt jeden Tiefkühlfladen oder alle durchgeweichten Back-blechpizzen langweiliger Teenagerpartys wie einen Geschmacksunfall mit Total-schaden aussehen.

Und König werde ich irgendwann auch noch.

Samstag, April 25th, 2009
erker schlägt durchgang

Altbau schlägt Neubau, Fassade schlägt Umgebung, Parkett schlägt Laminat, Siebter Bezirk schlägt vierten Bezirk, Publizistikstudentin schlägt Medizinstudent, die wilde Annahme Dortmund sei größer als Wien schlägt das Fass dem Boden aus. Erkerzimmer mit Durchgang, nur drei Häuser neben der Westlicht-Galerie und keine fünf Gehminuten von meinem Lieblingsplatz, schlägt alle kühnen Träume. 3er-WG, zwei Mädels noch. Irgendein anderes Mädel schlägt mich. Wegen dem Durchgang! Sei wohl doch besser, wenn da ein Mädel im Zimmer wohnt und kein Bursche. Oder wegen was auch immer.

Dienstag, April 21st, 2009
Schriftstücke

Über alten Geschäften, zum Teil schon längst aufgegeben und verlassen, locken noch dicke Letter die Kunden zum Einlass und Kauf. Bäckereien, Fleischereien, Trödelkrams, alles mit Liebe zu schöner Typografie. Ich hoffe, ich schaffe es hin und wieder loszuziehen und die ein oder anderen Goldstücke in Schriftform einzufangen und hier im Blog auszustellen. Wert wären sie es.

wien-00561

Sonntag, April 19th, 2009
alles was bleibt ist längst fort

Manches aus den vergangenen Jahren ist mir noch ganz nah, anderes so gar nicht mehr. Die Zeit in der Buchhandlung beispielsweise: Es ist, als hätte ich dort nur mal eine Woche ausgeholfen, mal so reingeschnuppert, sich über Kunden gewundert und mal die Bücher von hier nach da gestapelt. Weil man irgendwie für irgendwen eingesprungen ist, oder so. Von meiner alten Wohnung ist nur das Chaos der letzten Stunden geblieben, Hörde ist ganz von der Präsenz des 7. und 8. Wiener Bezirks erdrückt worden. Aber die Menschen, die Freunde, die ich in den letzten Jahren kennen lernen und haben durfte, rückten bisher keinen Zentimeter ab – und werden es auch weiterhin nicht.

M. war heute hier, mit der Familie seiner Freundin und wegen des Stadt-marathons. Wir zwei frühstückten Bagels im 4. Bezirk, dann spazierten wir um das Belvedere und ließen uns schließlich am Russendenkmal nieder. Laberten über die Stadt, über Filme und ein ganz klein wenig auch über die FH. Und plötzlich war mein neues Leben noch eine Spur kompletter, wenn auch nur bis halb drei nachmittags. Denn er und all die anderen Freunde sind so fast das Einzige, was mir hier fehlt. 

Danke für die Andenkenkarten! Super Idee, hat mich echt gefreut! Die Pancakes werden in Bälde gebacken, versprochen! Danke für das Moleskine Wien-Buch, ich werde es mit Einträgen nur so mästen!

Danke euch allen!

Danke, dass ihr heute alle hier wart!

Samstag, April 18th, 2009
kässpätzle à la pseudo

Traditionell ist etwas anderes, das hier ist nur die Kurzfassung davon. Aber die Spätzle sind frisch und handgeschabt, wie bei Meister J. gelernt. Das Ganze mit Lauch verfeinert und gutem Voralberger Käse abgerundet. Die Spätzle werden bissfester, wenn man etwas Weizengrieß bei gibt. Geschabt wird aus dem Handgelenk heraus und hat was von Spielkarten verteilen. Zack, Zack, Zack, 18, 20, 2, 7, 30, Kontra und raus.

Freitag, April 17th, 2009
fleischbeschau

,Porn Identity‘ heißt die Ausstellung in der Kunsthalle Wien und zeigt genau das, was man erwartet. Leider nicht mehr, leider nicht differenzierter, erst recht nicht analytischer. Ich war eh nur wegen der Texte da (wer’s glaubt …). Beim verlassen des Gebäudes hatte man das Gefühl, dass sich die Kuratoren mal gesagt haben: Komm, lass uns ma geil Porno machen, aber Kunst muss auch irgendwie bei sein. Das mit Abstand interessanteste Exponat war eine Replik des Korova-Milch-Bar-Mädel aus Stanley Kubricks ,A Clockwork Orange‘ (siehe Programmheft). Auf Platz zwei ein Kunstporno aus den Achtzigern. ’ne krude Mischung aus Deep Throat, Blade Runner und Rocky Horror Picture Show. Das gefiel mir. Für den Rest, hätte man nur das Internet bemühen müssen. 

Am frühen Abend wurde meine Person dann begafft und begutachtet, die erste WG-Vorstellung stand an. Supernette Leute, nur die Durchgangszimmer be-fremdeten mich. Scheint es hier aber öfter zu geben. Wie soll das ablaufen? schuldigung, war n bissl länger feiern, kann ich ma durch? Ach, viel Spaß noch beim poppen. Außerdem nimmt man doch nicht gleich das erstbeste Zimmer, oder? Ich hätte es zumindest bekommen. Naja, habe noch genug Zeit mich weiter umzusehen.

Gegen Mitternacht war ich dann wieder derjenige, der gaffen durfte. Instru-mentale Surfer-Band mit Burlesk-Stripperin. Der Laden ist top, die Stripperin war so lala. Sie zu ,Misirlou‘, dem Pulp Fiction-Theme performen zu lassen, fand ich ja mal sowas von abgedroschen …